Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
318
Einzelbild herunterladen
 

318

XXIX. Vorlesung.

gewandt, sein Gedächtnis, abgesehen von Ungenauigkeiten in derZeitbestimmung der einzelnen Abschnitte seines verschlungenenLebenspfades, vortrefflich. Die Mitteilungen aus den früher vonihm besuchten Anstalten über sein Benehmen bezeichnet er alsstark übertrieben, doch zeigt er sonst keine Neigung, seinen Lebens-wandel besonders zu beschönigen. Im Gegenteil ist es höchstauffallend, daß er seine Geschichte mit einem gewissen Behagenerzählt und sich eher als Held fühlt. Von Scham oder wirklicherReue ist durchaus keine Spur vorhanden, und seine Versprechungenfür die Zukunft tragen den Stempel einfacher Redensarten, die ermacht, um sich möglichst bald dem lästigen Zwange der Freiheits-beraubung zu entziehen.List geht über Gewalt, meint er gelegent-lich. Für seine jetzt in zahllosen Fällen bewiesene Unfähigkeit,in der Freiheit zu leben, hat er nicht das geringste Verständnis.Ohne irgendwie diese Erfahrungen zu würdigen, meint er, daß esihm keine Schwierigkeiten machen könne, sich durchzubringen,sobald er wieder Arbeit habe.

In der Tat hat er sich auch einige Arbeiten verschafft, die erso gut ausgeführt hat, daß man ihn dafür ordentlich bezahlte.Nachdem er indessen einmal den ihm gewährten freien Ausgangzu einer Zechprellerei benutzt hatte, entwich er wiederholt inimmer schlauerer Weise, erhob das verdiente Geld, kneipte in derStadt herum, spielte in den Wirtschaften Klavier und wurde end-lich von der Polizei wieder zurückgebracht. Seine Entweichungenbegründete er damit, daß man ihm keine bestimmten Zusicherungenüber die Gestaltung seiner nächsten Zukunft gemacht habe. Erwürde sein Verhalten einwandsfrei gestaltet haben, wenn man ihmdie Entlassung nach einigen Wochen oder Monaten in Aussichtgestellt hätte. Von dem körperlichen Befunde ist außer einer ge-ringen Pupillendifferenz nichts Wichtiges zu bemerken.

Wenn Sie die guten Kenntnisse, das Gedächtnis, das natürlicheBenehmen unseres Kranken, die Ordnung seines Gedankengangesallein ins Auge fassen, also diejenigen Züge, die bei der Beobach-tung zunächst in Betracht kommen, so werden Sie kaum auf dieVermutung kommen, daß es sich hier um eine krankhafte Per-sönlichkeit handelt. Erst aus dem Überblicke über die gesamtenLebensschicksale des Kranken, sein Handeln und die Stellung,die er seiner eigenen Vergangenheit gegenüber einnimmt, wird