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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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XXIII. Vorlesung.

wenn sie sich selbst gerade als 60 jährig bezeichnet hat; ihr Kindsei 3 Jahre usf. Von Eltern und Großeltern erzählt sie, daß siemit ihnen zusammen lebe, nennt sich selbst mit ihrem Mädchen-namen. Der Großherzog heißt Leopold; die vorgezeigten Münzensind Gulden und Kreuzer.

AufZureden ist sie ganz einverstanden, in nächster Zeit Hoch-zeit zu machen, meint, ein Mann aus der Nachbarschaft kommeschon alle Tage, sich nach ihr umzusehen. Auch sonst läßt sie sichleicht alles mögliche einreden, geht darauf ein, wenn man ihr sagt,daß sie gestern Besuch gehabt habe, spazieren gegangen sei, spinntderartige Anregungen selbst noch weiter aus, weiß, wer dagewesenist, was er mitgebracht hat, wohin sie spaziert sei. Sehr bemerkens-wert ist es jedoch, daß man sie trotz ihrer Zugänglichkeit für dasEinreden doch nicht auf anderen Gebieten zu unsinnigen Angabenverleiten kann, als auf dem der zeitlichen Ordnung der Ereignisse.Sagt man ihr, daß der Schnee schwarz sei, so erwidert sie: „Ja,gewiß, wenn Ruß darauf fällt.“ Das Blut sei nicht schwarz, „aberdoch dunkel“. Grün seien die Kirschen „zuerst wohl, aber späterwerden sie rot“. Diese Widersprüche faßt sie also gut auf, oftsogar mit Humor. Auf die Frage, ob ein Dieb nicht ein braverMann sei, meint sie lachend: „Ja, darauf wollen wir doch nichtgehen“; und wenn ich ihr sage, sie selber habe gestohlen, antwor-tet sie schlagfertig: „Sonst tu ich’s nicht, aber meinen dummenHusten tät’ ich mir gleich stehlen lassen.“

Ganz besonders auffallend ist bei dieser Kranken die Schnellig-keit, mit der die angeregten Vorstellungen wieder verblassen. Sievergißt alle Erlebnisse nach wenigen Minuten, vielfach sogar fastaugenblicklich. Dem Arzte, der ihr eine Einspritzung gemacht hat,klagt sie unmittelbar darauf, es sei ein Mädchen dagewesen undhabe sie gestochen. An Stelle der wirklichen Erinnerungen tretendabei freie Erfindungen. Als die Kranke sich einmal ein Tuchum den Fuß gebunden hatte, erzählte sie kurz nacheinander,zuerst, daß ihr der Schuh aufgegangen sei und sie denselben wiederhabe zubinden müssen, dann, daß sie sich einen Verband gemachthabe, weil ihr ein Stück Holz an den Fuß geflogen sei, endlich, derArzt habe sie an den Fuß gestoßen; darum habe sie sich verbindenmüssen. Bei Versuchen mit Vorzeigen von Bildern und Gegen-ständen konnten schon 5" später mehr als der Eindrücke nicht