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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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XXII. Vorlesung.

einen verkommenen Säufer und Simulanten erklärt hatte. Im Ar-beitshause fiel er wegen seiner Unbotmäßigkeit auf, die sich durchkeine Zuchtmaßregel bekämpfen ließ. Als er dann endlich bedroh-lich wurde, die Nahrung verweigerte und von einem bevorstehendenBesuche des Kaisers sprach, wurde er vor nunmehr 7 Monatenunserer Klinik überwiesen.

Hier bot er zunächst, abgesehen von seiner langatmigen undeinförmigen Geschwätzigkeit, nicht viel Auffallendes. Er verfaßteeine Unmenge von Briefen und Eingaben an alle möglichen hoch-gestellten Personen und Behörden, in denen er ziemlich verworrenseine Feldzugserlebnisse sowie seine Ansprüche auf Versorgungund Behandlung im Landesbad darlegte. Dabei war er andauerndvon einer polternden Lustigkeit, machte plumpe Scherze, hieltReden an die Mitkranken, sammelte allerlei Unrat in seinen Taschen,schmückte sich mit Zigarrenbändern und Blättern, band sich Fädenum die Finger. Dazwischen äußerte er abenteuerliche, viel-fach wechselnde Wahnvorstellungen, ähnlich den heute vorge-brachten, er stamme von einem russischen, seine Frau von einemfranzösischen General ab; er solle Deutscher Kaiser sein undKronkaiser und Generalfeldmarschall, in den Ruhestand versetzt;das seien Telephongeschichten. Diese Erzählungen wurden meistscherzhaft vorgebracht und waren durch Einreden leicht zu beein-flussen. Sein Benehmen war dabei im ganzen geordnet; er be-schäftigte sich vielfach mit Abteilungsarbeit.

Etwa 5 Wochen nach seiner Aufnahme traten bei dem Krankenplötzlich eine lange Reihe schwerer Krampfanfälle auf, die sichmit einer Häufigkeit bis zu 80 in 24 Stunden über 17 Tage hin er-streckten. Die Anfälle begannen jeweils mit Rollung der Augennach links oben, Linksdrehung des Kopfes, Hebung und Beugungdes linken Armes, des linken Beines und des rechten Armes. Dannbegannen heftige Zuckungen in den Armen und im Gesichte, be-sonders links, bei starrer Streckung beider Beine, Schütteln desganzen Körpers, Kinnbackenkrampf und Stocken der Atmung.Der Krampf löste sich nach 1 Minute; auch reagierten die bisdahin stark erweiterten, starren Pupillen wieder. Nach einerkurzen Zeit deliranter Benommenheit kam der Kranke rasch zusich, erkannte die Umgebung, zeigte Verständnis für die Maßnahmendes Arztes, wollte aber nicht glauben, daß er Krämpfe gehabt habe.