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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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XXII. Vorlesung.

Beim genauerenEingehen aufdieLebensgeschichte des Krankenfällt die Unklarheit und Verschwommenheit seiner Angaben auf.Er ist sehr unsicher in seinen Zeitbestimmungen, vermag sich nichtauf den Namen seines letzten Arbeitgebers zu besinnen, bei dem erjahrelang beschäftigt war, weiß von wichtigeren Ereignissen derletzten Jahre kaum etwas anzuführen, meint, als armer Arbeiter habeer sich nicht so um Politik gekümmert. Jahreszahl und Datumnennt er unrichtig, verwechselt die Namen der Städte, in denen ersich aufgehalten hat, vermag die Vorgänge bei seiner Verbringungin die Klinik nicht zu schildern. Auf die Frage nach überstandenenGeschlechtskrankheiten gibt er einmal an, daß er mit 20 Jahreneinen weichen Schanker gehabt habe; später verlegt er denselben3 Jahre vor seine Aufnahme in die Klinik und erzählt noch vonzwei Trippererkrankungen. Einfache Rechenaufgaben löst er richtig,versagt aber völlig, sobald er dabei eine Zahl im Gedächtnisse be-halten muß. Für diese starke Störung seiner Merkfähigkeit undseiner Erinnerungen hat er eine gewisse Einsicht; „es ist lächer-lich,“ meint er, „daß ein alter Mann wie ich nicht weiter orien-tiert ist.“

Die Stimmung des Kranken ist im ganzen gedrückt, verzagt.Wenn ihm auch ein klares Verständnis für die Schwere seinesLeidens fehlt, dessen Erscheinungen er zum Teil durch äußere Um-stände zu erklären sucht, so ist doch das Gefühl der Hilflosigkeitbei ihm sehr ausgeprägt. Er macht sich Vorwürfe über Onanie inder Jugend, über seine Bestrafung, über den Verlust seiner Stellung,fürchtet schlimme Folgen von dem Aussetzen der Migräninpulver,möchte sie aber auch nicht weiternehmen. Andererseits gelingt esleicht, ihn, wenn auch nur vorübergehend, abzulenken und selbstzum Lachen zu bringen. Sehr auffallend ist seine Willensschwäche.Er befolgt jede Aufforderung, erklärt sich ohne weiteres bereit, inder Klinik zu bleiben, obgleich er sich über seine „Inhaftierung“beklagt, äußert keine bestimmten Pläne oder Wünsche für die Zu-kunft.

Schon in der Unterhaltung mit dem Kranken haben wir be-merkt, daß er sich langsam und schwerfällig ausdrückte, mehrfachnach dem richtigen Worte suchte, sich versprach, z. B. „Ehren-stellung“ statt „Lebensstellung“ sagte, und namentlich oft kurz vor-her gegangene Silben oder Wörter an Stelle der richtigen setzte,