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XXI. Vorlesung.
gleich ihr gar nicht danach zumute gewesen sei; ähnlich sei esihr früher in der Anstalt ergangen, als man sie mit Spiegeln unter-sucht habe. Vom Personal werde sie schlecht behandelt; die Mit-kranken sprächen eingelernte Sachen; man spucke ihr in die Wasch-schüssel. Das Bett brenne nachts übernatürlich; es müsse etwasin die Matratze gebracht sein. Ihren Arm habe ihr der Arzt ver-dorben; auch mit den Augen sei etwas gemacht worden. Diese An-gaben bringt die Kranke geläufig, aber in geziert hochdeutscherSprechweise und mit allerlei geschraubten Wendungen vor. Auf-forderungen befolgt sie erst nach einigen Einreden, meint, es seiunnötig, die Hand zu geben, streckt sie schließlich dem Arzte steifentgegen. Von körperlichen Störungen ist nur ein sehr blasses,etwas gedunsenes Aussehen und die Kleinheit des bis zu 120 Schlä-gen zählenden Pulses bemerkenswert.
Bei weiterem Befragen gibt die Kranke zu, schon mehrmalsin unserer Klinik gewesen zu sein, und weiß sich der wichtigstenEinzelheiten aus diesen Zeiten noch sehr gut zu erinnern. Siestammt von einer religiös überspannten Mutter, heiratete mit 22 Jah-ren und gebar 9 Kinder, von denen 6 gestorben sind. Mit 38 Jahrenmachte sie einen Typhus durch, an den sich bald der Beginn dergeistigen Störung angeschlossen haben soll. Es ist jedoch zu er-wähnen, daß sie sich damals zugleich in den ersten Monaten einerSchwangerschaft befand. Sie meinte, die Leute sprächen über sie,sähen ihr frech ins Gesicht, spuckten vor ihr aus, machten unan-ständige Anspielungen, suchten ihr eine unvorsichtige Äußerungüber den Kaiser zu entlocken, um sie dann anklagen zu können.Als sie infolgedessen nicht mehr aß und schlecht schlief, wurde siein die Klinik gebracht. Hier fühlte sie sich ebenfalls verfolgt undhatte mehrere heftige Schreianfälle, in denen sie sich die Haare aus-raufte und Gesichter schnitt. Einige Wochen hindurch war sie ganzstumm und nahm mit blödem Gesichtsausdrucke immer dieselbeStellung ein. Auch mit dem Eintritte der Besserung blieb sie un-zufrieden, nörgelnd, einsichtslos, gab nicht zu, daß sie krank ge-wesen sei. Nach fast halbjährigem Anstaltsaufenthalte kehrte sie indie Familie zurück, erwies sich hier als reizbar, zerstreut, vergeßlich.
Seit 7—8 Jahren verschlechterte sich ihr Zustand allmählich;sie wurde stumpf, untätig, sprach wenig, äußerte die alten Verfol-gungsideen und suchte sich vor 4y 2 Jahren plötzlich mit Streich-