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XIX. Vorlesung.
die Morphiumlösung innerlich zu nehmen. Wie es immer geht,war ihm sehr bald das Mittel zum unentbehrlichen Lebensbe-dürfnisse geworden. Sobald er kein Morphium nahm, traten Müdig-keit, Abgeschlagenheit, Unlust, Beklemmungsgefühle auf, die ihnimmer wieder zur Anwendung des Giftes drängten. Dabei genügtendie anfänglichen Gaben nicht mehr, die auftretenden Beschwerdenzu beseitigen, sondern der Kranke sah sich genötigt, immer größereMengen des Mittels zu nehmen. Häufig versuchte er, wieder mitder Gabe herunterzugehen, doch scheiterte er dabei schließlich regel-mäßig an den erwähnten, höchst peinlichen Beschwerden, die ihnverhinderten, die Gabe unter ein gewisses Maß herabzusetzen. Wiees scheint, kam er zeitweise etwa bis zu 0 , 06 gr täglich herunter, nahmaber in der letzten Zeit wieder das Dreifache dieser Gabe, dochsind seine Angaben über diese Punkte, wie immer bei derartigenKranken, wenig zuverlässig.
Augenblicklich bemerken Sie an dem Kranken, der diese seineVorgeschichte in geordneter und zusammenhängender Weise er-zählt, nichts Auffallendes. Er empfindet seine Abhängigkeit von demMittel sehr unangenehm und hat den lebhaften Wunsch, davonbefreit zu werden, zumal das Morphium seine Schmerzen eigentlichgar nicht beeinflußt, sondern nur die Beschwerden beseitigt, diedurch das Aussetzen des Mittels selbst entstehen. Der Kranke fühltsich hinfälliger, als früher, schläft schlecht und hat wenig Appetit,ist auch in seiner Ernährung zurückgekommen. Sonst ist er kräftiggebaut. Die Pupillen sind eng, ein Zeichen der Morphiumver-giftung; die Hände zittern etwas. Beide Arme, Oberschenkel undBrust sind vollständig mit weißlich glänzenden, sehnigen Narbenbedeckt, die von den Einstichen und Abscessen herrühren; die Be-weglichkeit beider Ellbogengelenke ist durch Narbenzüge sehr erheb-lich beschränkt. Diese Narben sind ein unfehlbares Zeichen desMißbrauches von Morphium oder ähnlichen Mitteln; sie fehlen nurin den seltenen Fällen, in denen von vornherein das Gift innerlichgenommen wird. Von der alten Schußverletzung ist eine ganz kleine,verschiebliche Narbe am linken Beckenrande zurückgeblieben. Amlinken Bein sind Bewegungsstörungen nach keiner Richtung hinnachzuweisen, doch klagt der Kranke über unangenehmes Kriebelnan der Sohle und an den Zehen, ferner über durchfahrende Schmerzenim linken Oberschenkel, aber auch über herumziehende Empfin-