180
XVII. Vorlesung.
Sachen am meisten entsprechen, wenn wir feststellen, daß es imhöheren Lebensalter ein Krankheitsbild gibt, den „senilen Verfolg-ungswahn“, dessen wesentlichsten Zug das Auftreten abenteuer-licher Verfolgungsideen mit Sinnestäuschungen und deutlicher gei-stiger Schwäche bildet. In der Tat sind derartige Fälle nicht ganzselten. Die Beeinträchtigungsideen nehmen dabei häufiger dieForm des Eifersuchtswahns an. Gewöhnlich bleibt der Zustand derKranken jahrelang unverändert; die Wahnbildungen bestehen fort,wechseln aber in ihrem Inhalte. Im weiteren Verlaufe pflegen sichzu den Beeinträchtigungsideen unsinnige Größenideen zu gesellen.Die Besonnenheit bleibt meist dauernd erhalten, doch werden dieKranken nicht wieder gesund, sondern allmählich schwachsinnigerund zerfahrener *).
Eine ganz eigenartige Form von Verfolgungsideen bietet end-lich ein 42 jähriger Offizier dar, dessen Leiden nach verschiedenenRichtungen hin von großem Interesse ist. Der Kranke ist voll-kommen besonnen, orientiert und geordnet. Weder in seiner Stim-mung noch in seinem gewandten und liebenswürdigen Benehmenzeigt er zunächst die geringste Andeutung einer Störung. Er fühltsich gesund und leistungsfähig, hat nichts zu klagen, bittet nur inruhiger und höflicher Weise, bald wieder nach Hause und in seinenDienst zurückkehren zu dürfen. Erst bei längerer Unterhaltungfällt eine gewisse Unklarheit des Kranken über seine Erlebnisse inden letzten Jahren auf. Er macht darüber zwar allerlei Angaben,doch klingen dieselben eigentümlich abenteuerlich und stehen auchvielfach miteinander in Widerspruch.
Der Kranke erzählt, wie er in einem Kurhause mit einem Hoch-stapler zusammen gewohnt habe, der ihm unter falschem Namen vor-gestellt worden sei, nächtlicherweise in sein Zimmer eindrang undjetzt in einer Irrenanstalt verwahrt werde, aus der er als geistesge-sund wieder entlassen werden solle. Diesen Menschen, dessenSchicksale ihm von seiner Kindheit her bekannt sind, will er an-zeigen; überdies ist derselbe schon in einem Prozesse verurteiltworden, von dem jüngst in der Zeitung zu lesen stand. DerKranke selbst meint, daß seine Zurückhaltung in der Klinik mit
*) Der Kranke befindet sich seit 5*/2 Jahren ziemlich unverändert in einerPflegeanstalt.