Verschiedene Formen der Wahnbildung.
179
kommt er sehr leicht wieder auf seine Verfolgungen zurück. SeineKenntnisse entsprechen vollkommen seinem Stande; er zeigt aucheine gewisse geistige Regsamkeit, liest, beschäftigt sich, unterhältsich mit seinen Mitkranken, spielt Karten und benimmt sich inkeiner Weise auffällig, wenn man von seinen Schutzmaßregeln gegendie Strahlen absieht. Da er auch hier den Schuster über sichsprechen hört und in der Nacht keine Ruhe vor ihm hat, so sucht ernamentlich seinen Kopf durch kleine Wälle von Bettstücken undanderen erreichbaren Gegenständen vor den Strahlen zu schützen.Bemerkenswert ist ein gewisses gehobenes Selbstgefühl, die Be-friedigung darüber, daß er in seiner Schlauheit alle Schliche seinerFeinde durchschaut und sich nichts weiß machen läßt.
Aus der Vorgeschichte ist noch nachzutragen, daß der Krankeaus gesunder Familie stammt und ein nüchterner und fleißiger Ar-beiter war. Er ist verheiratet und hat 5 gesunde Kinder. Die Krank-heit begann vor D /2 Jahren mit Verfolgungsideen und Sinnestäu-schungen. Zeitweise äußerte der Kranke aber auch Größenideen,er wolle eine neue Religion einführen, die Landwirtschaft auf derganzen Erde verbessern. Bei der Vernichtung seiner Person sei esauf den Untergang der ganzen Menschheit abgesehen; er werde aberjetzt mit einer Luftbüchse und einem besonderen Pulver seine Ver-folger unschädlich machen. Von diesen Wahnvorstellungen will derKranke jetzt nichts mehr wissen.
Die Deutung dieses Krankheitsbildes stößt auf gewisse Schwie-rigkeiten. Gewöhnlich pflegt man derartige Zustände einfach derParanoia zuzurechnen. Mir scheint jedoch die rasche EntstehungdesLeidens, dieschnelleEntwicklungerheblichergeistiger Schwäche,endlich das Vorherrschen lebhafter Täuschungen auf allen Sin-nesgebieten dagegen zu sprechen. Zudem sind die Wahnvor-stellungen im einzelnen durchaus nicht feststehend, sondern wech-seln vielfach. Deswegen und nach ihrem Inhalte erinnern sie sehran diejenigen der Dementia praecox. Andererseits aber fehlen hieralle die eigenartigen Zeichen, die uns sonst von jener Krankheit herbekannt sind, der Verlust der geistigen Regsamkeit, der Negativismus,die Befehlsautomatie, die Stereotypie, die Manieren. Wir werdenuns daher, auch im Hinblicke auf das hohe Lebensalter des Kranken,nicht dazu entschließen können, diesen Fall etwa einfach als De-mentia praecox aufzufassen. Vielmehr wird es vorläufig den Tat-
12 *