Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
174
Einzelbild herunterladen
 

174

XVII. Vorlesung.

können. Jetzt wolle er wieder heiraten, ein junges, schönesMädchen. Wenn er wieder besser gehen könne, werde er schonso viel verdienen, um das ausführen zu können. Seit langem habeman ihn schon verfolgt, daß er fort sollte. Die Leute sprachenauf dem Hofe über ihn:Gestern Abend wäre es Zeit gewesen;da hätte man ihn fortbringen können. Alles habe er nicht ver-stehen können, aber gesehen und gemerkt habe er es, daß manihn mit einem Apparat beeinflußte. Das geschah durch die Frau;es kam von unten, wahrscheinlich wie mit Elektrizität, wie wennman mit Spiegeln vor den Augen herumfährt. Mit dem Apparathabe man ihm Abzug an seinem Körper gemacht, im Kopf undaufs Gehör, daß es im Kopfe summte und pfiff. Wenn er auf-stehe, fühle er den Apparat hinten auf dem Rücken; sehen könneer ihn nicht. Die Stimmung des Kranken ist im allgemeinengleichmütig, öfters etwas gereizt; er meint, er habe hier nichtdie richtige Pflege, zu schlechtes Essen, könne ganz gut wiederarbeiten. Über seine Frau ist er erbittert, weil sie ihn in das Irren-haus geschafft habe, erklärt sich jedoch auf Zureden leicht bereit,sich wieder mit ihr zu versöhnen. Rechenaufgaben löst er ziemlichrasch und richtig; seine Kenntnisse entsprechen etwa seinem Stande.

Die Verfolgungsideen, die der Kranke äußert, werden unszunächst vielleicht an diejenigen erinnern, die uns von der Dementiapraecox her bekannt sind. Auch dort trat uns ja häufiger derWahn entgegen, körperlich beeinflußt zu werden. Andererseitsähneln die Äußerungen, die der Kranke hörte, wieder denjenigenbeim Alkoholwahnsinn; auch die Eifersuchtsideen würden, wie wirspäterhin noch genauer sehen werden, etwa für eine alkoholischeEntstehung des vorliegenden Leidens sprechen. Allerdings leugnetder Kranke durchaus, getrunken zu haben; zudem ist er so ge-dankenarm und urteilsschwach, daß von einer einfachen alko-holischen Geistesstörung nicht wohl die Rede sein kann. Aberauch die Annahme einer Dementia praecox, die schon wegen desAlters unseres Kranken wenig Wahrscheinlichkeit hat, widerlegtsich sofort, wenn wir seinen körperlichen Zustand genauer insAuge fassen. Dabei zeigt sich nämlich, daß eine linksseitigeAbducenslähmung, Miosis, Pupillendifferenz und reflektorischePupillenstarre besteht, während die akkommodative Reaktion nochetwas erhalten ist. Die linke Nasenlippenfalte ist verstrichen; die