Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
171
Einzelbild herunterladen
 

Paranoide Formen der Dementia praecox.

171

dann aber wieder ihre krankhaften Erlebnisse mit einer gewissengeheimen Befriedigung und selbst mit erotischer Färbung. Sie ver-langt ihre Entlassung, läßt sich aber leicht vertrösten, macht sichkeine Gedanken über ihre Lage und über ihre Zukunft. Sehr be-merkenswert sind in ihren Darstellungen zahlreiche geschraubte,kaum verständliche Redewendungen. Man mißhandelt sieflegel-weise,ausspruchsweise,entsetzenswegen; sieistein Jammer-bild in Engelsgestalt,eine veruntreute Mama und Hausfrau vonOrdnungssinn; man hat ihrdie Gemütsbildung umgeändert;eingeheimes Insekt vom Bezirksamte verfolgt sie. Die Hand reichtsie in gespreizter Weise, istkataleptisch und echopraktisch. Körper-liche Störungen von klinischer Wichtigkeit sind bei ihr nicht nach-weisbar.

Die zuletzt erwähnten Krankheitszeichen werden uns auch hierden Verdacht erwecken, daß der Fall dem Formenkreise der De-mentia praecox angehört. Gegenüber den bisher besprochenenBeobachtungen ist nur das lange, einförmige Haften derselbenWahnvorstellungen auffallend. Die Vorgeschichte ergibt nämlich,daß die Kranke, deren Vater etwas aufgeregt gewesen sein soll,während ein Bruder als Kind Krämpfe hatte, schon seit fast10 Jahren leidend ist. Die Krankheit entwickelte sich ganz all-mählich. Etwa ein Jahr nach dem Tode ihres Mannes, von dem sie2 Kinder hat, wurde sie ängstlich, schlief unruhig, hörte nachts inihrem Zimmer laut sprechen, meinte, sie werde ihres Vermögensberaubt, von Leuten aus Frankfurt verfolgt, wo sie früher gewohnthatte. Vor 4 Jahren kam sie dann für 1 Jahr in eine Anstalt, glaubtedortdie Frankfurter wiederzufinden, merkte Gift im Essen, hörteStimmen und fühlte Beeinflussungen. Nach ihrer Entlassung machtesie Anzeigen gegen die Ärzte der Anstalt, weil sie dort verstümmeltworden sei, hielt nun diese für ihre Verfolger, schimpfte öffentlichauf die Behörden, die sie nicht schützten, so daß ihre Aufnahme indie Klinik vor 2 Monaten notwendig wurde. Hier brachte sie Tagfür Tag ohne tiefere Erregung dieselben Klagen vor, schrieb lang-atmige Briefe voll einförmiger, unsinniger Schimpfereien über dieerlittenen Verfolgungen an ihre Angehörigen, die Anstaltsärzte, dieBehörden. Sie beschäftigte sich gar nicht, trat mit ihren Mitkrankennicht in Beziehung, entzog sich jeder näheren Beeinflussung.

Fälle dieser Art sind ungemein häufig. In der Regel pflegt man