Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
156
Einzelbild herunterladen
 

156

XV. Vorlesung.

die eine gewisse Selbständigkeit erfordern; so versagt er sofort,wenn es darauf ankommt, beim Abschreiben den Sinn zu berück-sichtigen. Auch seine Lebensführung, die unbekümmerte Art, inder er sein letztes Geld einfach verbrauchte, ist überaus bezeichnendfür seine Unfähigkeit, die wirkliche Sachlage klar zu überblickenund sich danach einzurichten. Wie wir dabei noch nachzutragenhaben, wollte er nicht glauben, daß sein Bankguthaben erschöpftsei, sondern forderte immer neue Mittel, lebte auf Borg weiter,vertröstete die Leute auf seine zukünftigen Einnahmen und hieltschließlich bei verschiedenen Vätern um die Hand ihrer Töchteran, Vorgänge, die den letzten Anstoß zu seiner Verbringung indie Kreispflegeanstalt gaben, nachdem er sich bis dahin in seinenKreisen bewegt hatte, ohne besonders aufzufallen.

Diese letztere Erfahrung ist es, auf die ich besonderes Gewichtlegen möchte. Dem Kranken fehlen durchaus auffallendere Störungenauf dem Gebiete der gemütlichen Regungen und namentlich desWillens. Höchstens ist eine gewisse Empfindlichkeit anzuführen,die bei Widerspruch gegen die Wahnvorstellungen, insbesonderedie Selbstüberschätzungsideen, hervortritt. Im übrigen aber ist derKranke weder in krankhaft heiterer oder in trüber Stimmung nochgemütlich stumpfund gleichgültig, sondern er nimmt in natürlicherWeise Anteil an den Ereignissen und Personen seiner Umgebung,liest Bücher und Zeitungen, beschäftigt sich aus eigenem Antriebemit Zeichnungen und Entwürfen, beobachtet seine Mitkranken, ver-folgt die Tagesereignisse, plaudert mit den Ärzten, knüpft neueBekanntschaften an, ärgert sich über Widerwärtigkeiten, freut sichüber Anerkennung. Seine äußere Haltung, sein Benehmen ist völligtadellos und unauffällig, frei von Manieren, Befehlsautomatie, Nega-tivismus. Ebenso vermissen wir unvermittelte Antriebe und dieVorstellung der inneren Unfreiheit, wie sie sich bei solchenKranken entwickelt, die ihr Denken und Handeln fremdartig beein-flußt fühlen. Wo der Kranke unsinnig handelt, liegt die Erklärungdafür ohne weiteres in seinen Wahnvorstellungen.

Diese eigentümliche Krankheit, bei der sich Wahnbildungen imSinne der Beeinträchtigung und der Selbstüberschätzung ganz lang-sam entwickeln, ohne daß selbständige Störungen des Gemüts-lebens oder des Willens auftreten, wollen wir mit dem Namen derParanoia oder Verrücktheit bezeichnen. In dieser Krankheit