Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
149
Einzelbild herunterladen
 

Wochenbettirresein.

149

Störungen lange nicht so ausgesprochen wie jetzt. Schmerzhaftig-keit der Gelenke ließ sich schon damals nicht mehr nachweisen.

Prüfen wir diese Vorgeschichte, so muß es im Hinblicke aufdas langjährige, regelmäßige Auftreten des Leidens, auf die Art derAnfälle, insbesondere deren Einförmigkeit und die Zungenbisse,endlich auf das Fehlen sonstiger hysterischer Anwandlungen, dochals das Wahrscheinlichste bezeichnet werden, daß die Kranke anEpilepsie und nicht an Hysterie leidet. Wir würden es demnachhier mit einer echten Chorea zu tun haben, als deren Ursacheder Gelenkrheumatismus anzusehen wäre, den die Kranke zweimalüberstanden hat. Es ist genügend bekannt, daß sich an dieseKrankheit sehr häufig Chorea anschließt. Freilich ist der ersteAnfall von Chorea dem letzten Gelenkrheumatismus voraufgegangen;indessen scheint das Bindeglied zwischen beiden Leiden die Er-krankung der Herzklappen zu sein, die möglicherweise nochseit dem ersten Anfalle von Rheumatismus fortbestand.

Das klinische Bild, das unsere Kranke darbietet, entspricht inder Tat vollkommen den bei Chorea beobachteten Geistesstörungen.Insbesondere sind es neben den choreatischen Bewegungen selbstdie Unbesinnlichkeit und Verwirrtheit, ferner die vereinzeltenSinnestäuschungen und die heitere Stimmung, endlich die großeUnruhe und der rasche körperliche Verfall, die diese Formen desIrreseins kennzeichnen. Auffallend ist nur, daß die psychischeErkrankung vor iy 2 Jahren ein ganz anderes Bild dargeboten hat.Es wird natürlich kaum möglich sein, sich nachträglich aus derBeschreibung der Angehörigen ein zuverlässiges Urteil über dendamaligen Zustand zu bilden; so manche Züge scheinen mir jedochdafür zu sprechen, daß es sich einfach um einen epileptischenDämmerzustand gehandelt hat, der mit dem jetzigen Leiden in garkeiner näheren Beziehung steht.

Wir hätten demnach hier auseinanderzuhalten einmal dieEpilepsie mit ihren besonderen Krankheitsäußerungen, sodann daschoreatische Irresein in seiner Abhängigkeit von dem Gelenk-rheumatismus. Dagegen scheint das Wochenbett, dem man viel-leicht von vornherein eine Hauptrolle für die Entstehung derGeistesstörung zuschreiben möchte, in Wirklichkeit gar keine ur-sächlichen Beziehungen zu derselben zu besitzen. Der vorliegendeFall ist somit ein gutes Beispiel für die Beleuchtung des Unter-