Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
145
Einzelbild herunterladen
 

Wochenbettirresein.

145

ihrer Schwere vollständig wieder ausgleichen werden, ohne daßwir spätere Wiedererkrankungen zu fürchten hätten, wenn nichtneue, erhebliche Schädlichkeiten einwirken.

Die Kranke, deren Schwester ebenfalls im Wochenbette eineGeistesstörung durchmachte, war eine sehr begabte, lebhafte Frau,die erst vor 3 Jahren geheiratet hat. Sie gebar vor 17 Tagen.Schon in der Schwangerschaft war sie sehr aufgeregt, hatte vieleBeschwerden. Als sich nach der Geburt etwas Fieber einstellte,geriet sie in lebhafte Unruhe, schlief nicht mehr, obgleich dieKörperwärme unter dem Einflüsse von Spülungen bald wiedersank. Am 6. Tage des Wochenbettes wurde sie ganz verwirrt,hörte Stimmen, sah Bilder, verkannte die Personen, wußte nichtmehr, wo sie sich befand, fing an, zu singen und zu schreien, undwurde wegen der rasch sich steigernden Erregung in die Klinikgebracht.

Die eigenartige Form der Störung in unserem Falle lehrt uns,daß ihr Zusammenhang mit dem Wochenbette höchst wahrschein-lich als ein engerer aufgefaßt werden muß. Wir haben es nichtmit dem Anfalle eines Leidens zu tun, das ein anderes Mal auchohne derartigen Anlaß zum Ausbruche kommen könnte, wie esbeim manisch-depressiven Irresein beobachtet wird, sondern wirdürfen die Schädigung durch das späte Wochenbett bei der nichtmehr jungen Frau als die wirkliche Ursache der geistigen Erkran-kung betrachten. Meist pflegt man dabei die Erschöpfung in denVordergrund zu stellen, doch fehlt es auch nicht an Stimmen, diedas Hauptgewicht auf infektiöse Vorgänge legen. Im vorliegendenFalle würde das Auftreten von Fieber für die letztere Auffassungsprechen, doch war einerseits die Wochenbetterkrankung nur eineleichte; andererseits gibt es auch Fälle von Wochenbettirreseinohne Andeutungen von Infektion. Freilich handelt es sich dabeizumeist um Katatonien. Wirkliche Klarheit herrscht in dieserFrage noch nicht; wir wollen indessen darauf hinweisen, daßauch bei dem Vorgänge der Erschöpfung Giftwirkungen, allerdingsanderer Art, mit in Betracht gezogen werden müssen.

Nach dem klinischen Verlaufe unterscheidet man heute wesent-lich zwei Formen des Erschöpfungsirreseins, das sehr stürmischverlaufende Kollapsdelirium und die akute Verwirrtheit oderAmentia, die eine Reihe von Monaten zu dauern pflegt. Die erstere

Kraepelin, Einführung. 2. Aufl. 10