138
XIII. Vorlesung. Delirien.
anstalten. In einem solchen Zustande kam er vor etwa 4 Wochenzu uns, wurde aber rasch wieder klar. Einige Tage nach der Auf-nahme trat ein neuer derartiger Anfall auf, nachdem der Krankeschon den ganzen Tag über verstimmt gewesen war. Der Anfallglich ganz dem jetzigen. Nach 3stündiger Dauer desselben verfielder Kranke in einen tiefen Schlaf, aus dem er am nächsten Morgenohne Erinnerung an das Vorgefallene erwachte. Sehr deutlichwaren wiederholte Verstimmungen, die von dem Kranken selbstsehr gut geschildert wurden. Er fühlte sich, „wie wenn er einenMordskatzenjammer hätte“, mußte ohne Grund in eine Eckestarren, meinte, man solle ihn doch lieber umbringen; das Lebenhabe für ihn ja doch keinen Wert mehr. Auch Fortdrängen wurdein diesen Zuständen beobachtet. Nach 1—2 Tagen war allesvorüber. Den Dämmerzuständen, die selbst ganz plötzlich ein-setzten, gingen regelmäßig derartige Verstimmungen voraus. Dergeringfügigste Anlaß konnte ihn dann in die heftigste Wut ver-setzen.
Diese Vorgeschichte entspricht, wie Sie sehen, ganz unserenErwartungen. Allerdings sind eigentliche epileptische Krampf-anfälle bei unserem Kranken höchstens in der frühesten Kindheitaufgetreten. Späterhin wurden nur Schwindelanfälle, namentlichaber die ungemein kennzeichnenden Verstimmungen und Dämmer-zustände sehr schwerer Art beobachtet, deren Auftreten durchAlkoholgenuß begünstigt wurde. Die regelmäßige Wiederkehrdieser Zustände, die tiefe Bewußtseinstrübung dabei, ihr rascherAblauf, die Erinnerungslosigkeit hinterher lassen an der epilep-tischen Natur dieser Anfälle nicht den geringsten Zweifel, auchwenn man die nicht minder eigenartigen Verstimmungen nicht alssicheren Beweis für das Bestehen einer Epilepsie gelten lassenwill. Offenbar geht die Krankheit bis in die Jugend zurück; derUnfall im 9. Jahre ist schwerlich, wie man zunächst denkenkönnte, als die Ursache des Leidens anzusehen, das höchst wahr-scheinlich schon vorher bestand. Trotz dieser langen Dauer derKrankheit ist übrigens der Kranke nicht nennenswert verblödet.Er zeigt zwar die Pedanterie, die Empfindlichkeit und die äußer-liche Frömmigkeit der Epileptiker, besitzt aber ganz gute Kennt-nisse, ein leidliches Urteil und die Neigung, sich nicht nur körper-lich, sondern auch geistig zu beschäftigen. Gleichwohl wird bei