Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
139
Einzelbild herunterladen
 

XIV. Vorlesung. Wochenbettirresein.

139

der Gefahr, die er für sich und seine Umgebung bedeutet, diedauernde Unterbringung des Kranken in einer Anstalt schwerlichzu umgehen sein*).

XIV. Vorlesung.W ochenbettirresein.

M. H.l Die Umwälzungen, welche durch die verschiedenenAbschnitte des Fortpflanzungsgeschäftes im weiblichen Körper-haushalte hervorgerufen werden, sind so tiefgreifende, daß sie aufdie Entstehung und den Verlauf von Geistesstörungen nicht ohneEinfluß bleiben können. In der Tat sehen wir psychische Krank-heiten im Wochenbette sich bei etwa 7% der in Irrenanstalten auf-genommenen Frauen entwickeln, etwas seltener in der Schwanger-schaft oder während des Säugegeschäftes. Auch in unseren bisherigenBetrachtungen sind wir wiederholt derartigen Fällen begegnet. DieErfahrung zeigt indessen, daß nicht alle derartigen Beobachtungengleichwertig sind. Man pflegt zwar oft von einerPuerperalmanieim Sinne einer besonderen, nur durch das Wochenbett erzeugtenForm des Irreseins zu sprechen, doch läßt sich die Ansicht heutenur noch in beschränktem Umfange aufrecht erhalten. Wo wirk-lich eineManie im Wochenbette auftritt, ist sie, wie jede andereManie, nur ein Glied in der Kette von Anfällen des manisch-depressiven Irreseins; das Wochenbett darf also nicht als die Ur-sache, sondern nur als der letzte Anstoß zum Ausbruche derKrankheit angesehen werden. Dem entsprechend müssen wirdarauf gefaßt sein, daß sich weitere Anfälle auch nach irgendeinem sonstigen oder ganz ohne Anlaß einstellen. In der Regelaber entwickeln sich im Wochenbette überhaupt keine manischen,sondern wesentlich andersartige, wenn auch äußerlich ähnliche

*) Der Kranke befindet sich seit 4 Jahren unverändert in einer Pflege-anstalt, zeigt häufige Verstimmungen, aber keine Krampfanfälle, arbeitetfleißig.