Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
116
Einzelbild herunterladen
 

116

XII. Vorlesung.

der Sinnestäuschungen, des merkwürdigen Gemisches von Wahnmit Krankheitseinsicht und der alkoholischen Entstehungsweise einegewisse Ähnlichkeit mit dem Delirium tremens. Es unterscheidetsich aber von demselben namentlich durch die weit längereDauer, das Fehlen jeder Störung der Orientierung und das Vor-herrschen von Gehörstäuschungen gegenüber dem Überwiegender Gesichtstäuschungen in jener Krankheit. Auch die Unruhepflegt geringer, das Zittern weit weniger ausgeprägt zu sein. Ausdiesen Gründen empfiehlt es sich, das hier beobachtete Leidennicht mit dem Delirium tremens zusammenzuwerfen, wenn es auchgewiß mit demselben nahe verwandt ist. Wir bezeichnen dieKrankheit als Alkoholwahnsinn. Ihre Dauer kann sich über eineReihe von Wochen und selbst Monaten erstrecken. Der Ausgangist meist volle Genesung*), doch gibt es eine nicht unbeträchtlicheReihe von Fällen, in denen unheilbare Schwächezustände Zurück-bleiben, gewöhnlich mit Haften einzelner Wahnvorstellungen undSinnestäuschungen. Dieser Ausgang ist namentlich bei den ausäußeren Gründen häufigen Rückfällen zu befürchten. Die Behand-lung erfordert wegen der Selbstmordgefahr vor allem sorgfältigsteÜberwachung, sodann dauernde, völlige Entziehung des Alkohols.Wird diese nicht durchgeführt, so hat man sicher auf frühere oderspätere Wiederkehr der Störungen zu rechnen.

XII. Vorlesung.

Irresein bei akuten Krankheiten.

M. H.! Die 30jährige Dienstmagd, die ich Ihnen im Bette habehereintragen lassen, macht schon auf den ersten Blick den Eindruckeiner Schwerkranken. Sie liegt mit eingefallenen Zügen, leichtzitternd da, reagiert in keiner Weise auf Anreden, dreht höchstens

*) Unser Kranker ist nach 6wöchiger Dauer der Krankheit gesund ge-worden, soll jetzt, nach 11 Jahren, nicht mehr trinken, lebt aber von seinerFrau getrennt.