Alkoholische Geistesstörungen.
115
das solle eine Probe sein, ob er Mut habe, um in die Loge auf-genommen zu werden. Er war von einem Arzte hypnotisiert, dernun hier hingerichtet worden sei. Seinen drei Kindern sei der Halsabgeschnitten worden von der Frau; sie solle, wie die Stimmen er-zählen, auch einen alten Mann tot gestochen haben.
Über die Entwicklung des Leidens haben wir erfahren, daßder Kranke aus gesunder Familie stammt, vor 11 Jahren geheiratethat und 4 gesunde Kinder besitzt, während 3 gestorben sind. Erwar immer etwas leichtsinnig, verschwenderisch, reiste seit 7 Jahrenund trank seitdem sehr viel, wurde roh gegen seine Frau, reizbarund geschlechtlich ausschweifend. Vor etwa 4 Wochen kam ereines Abends unerwartet nach Hause, fiel sofort durch sein ver-störtes Wesen auf, aß nichts, schlief nicht, jammerte, er sei hyp-notisiert worden, solle geköpft werden, warf der Frau vor, daß siesich mit anderen abgegeben und dafür 20000 Mark erhalten habe.Seine Hände zitterten dabei stark. Er war ruhelos, antwortete aufStimmen, die er hörte, sprach vor sich hin, äußerte Verfolgungs-ideen und bedrohte seine Umgebung. In der letzten Woche wurdeer immer ängstlicher, wollte sich den Hals abschneiden, sich er-säufen, lief auch ins Wasser, brachte sich einige Stiche bei, war imBegriffe, sich ein Messer in den Unterarm hineinzutreiben, bis dieFrau es verhinderte; endlich hackte er sich das Fingerglied ab. DerKranke selbst gibt an, daß er auf der Reise, als er anfing, Stimmenzu hören, plötzlich sehr ängstlich geworden sei und sich heim ge-trieben fühlte. Zu Hause hatten die Stimmen schon vorgebaut undalles berichtet. Sie teilten ihm mit, daß er mittels einer Ma-schine von einem Arzte, der Gedankenleser sei und Wagner heiße,hypnotisiert worden sei; seine Frau sei als öffentliche Hure prokla-miert worden. Der Kranke gibt zu, daß er stark getrunken habe;das sei in seinem Berufe nötig. Er fügt hinzu: „Wenn ich wiedergesund bin, gehe ich lieber ins Zigarrengeschäft.“ Auf den Ein-wand, daß er doch morgen hingerichtet werde, meint er, er könnedoch noch begnadigt werden; man werde vielleicht denken, dengeisteskranken Kerl kann man doch nicht hinrichten. KörperlicheStörungen sind jetzt außer sehr schlechtem Schlafe und fein-schlägigem Zittern der gespreizten Finger nicht mehr nachweisbar.
Das vorliegende Krankheitsbild hat wegen der rasch sich ent-wickelnden abenteuerlichen Wahnvorstellungen, der Lebhaftigkeit