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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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X. Vorlesung.

läßt sich ungemein leicht ablenken und vertrösten, ist ohne weitereseinverstanden, noch da zu bleiben, macht sich keinerlei Gedankenüber die Lage seiner Frau, die zu ihren Eltern zurückgekehrt ist,über den langen Zeitverlust, sein Ausscheiden aus dem Dienste,nimmt die Versicherung, daß er noch geisteskrank sei, mit un-gläubigem Lächeln, aber ohne Erregung hin.

Schon der bis hierher erhobene Befund, die große Schwächedes Urteils, des Gedächtnisses, der gemütlichen Regungen, desWillens, die Größenideen, endlich die Schriftstörungen, werdenuns zu der Ansicht führen, daß der vorliegende Fall, dessen Bildin so vielen Richtungen dem vorigen ähnelt, dem Gebiete derParalyse angehört. Die genauere körperliche Untersuchung er-gibt außerdem, daß die Nasenlippenfalten verstrichen sind, dieZunge beim Vorstrecken stark zittert. Beide Pupillen sind licht-starr, die Kniesehnenreflexe sehr gesteigert. Beim raschenSprechen namentlich schwierigerer Wörter werden die einzelnenBuchstaben undeutlich vorgebracht, bisweilen ausgelassen odervertauscht und verstellt. Es besteht also neben derschmierenden,lallenden Sprache noch Silbenstolpern.

Sehr merkwürdig ist nun aber die Entwicklung dieses Zu-standes. Über die Familie des Kranken ist nichts Zuverlässigesbekannt, ebensowenig darüber, ob er syphilitisch gewesen ist, dochwar seine Ehe kinderlos; freilich behauptet er, nie mit seiner Fraugeschlechtlich verkehrt zu haben. Nach seiner Erzählung soll erin der Jugend einen Diebstahl begangen haben, den er mit 2 JahrenGefängnis büßte. Später machte er den Feldzug mit, trat in denTelegraphendienst und scheint ein tüchtiger Beamter gewesen zusein. Vor nunmehr 8 Jahren erkrankte er zum ersten Male mitängstlicher Verstimmung. Er meinte, daß sein Jugend-vergehen bekannt geworden sei, daß in den Zeitungen darauf an-gespielt werde, daß seine Kollegen nichts mehr von ihm wissenwollten, die Behörde ihn entlassen werde. Infolgedessen hielt ersein Leben für vernichtet, zog sich zurück, verließ seine Wohnungund kehrte erst nach 2 Tagen wieder heim, ohne zu wissen, wo erinzwischen gewesen war. Damals war er 4 Monate hier in derKlinik und wurde etwas gebessert entlassen. Körperliche Krank-heitszeichen konnten nicht aufgefunden werden. Draußen bessertesich sein Zustand weiter; er heiratete, rückte in höhere Stellen ein,