Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
82
Einzelbild herunterladen
 

82

VIII. Vorlesung.

nach ihm fragten, und verließ München Hals über Kopf unter allenmöglichen Vorsichtsmaßregeln, da er sich unterwegs begleitet undverfolgt glaubte. Seitdem hörte er auf der Straße Leute, die ihnzu erschießen, sein Haus anzuzünden drohten, brannte deswegenin seinem Zimmer kein Licht. Auf der Straße zeichneten ihm dieStimmen den Weg vor, den er gehen durfte, um nicht erschossenzu werden. Überall hinter Türen, Fenstern, Zäunen schienenihm Verfolger zu lauern; auch vernahm er lange Gespräche nichtsehr schmeichelhaften Inhalts über seine Person. Infolgedessenzog er sich von allem Verkehr zurück, benahm sich aber doch sogeordnet, daß seine eigenen Angehörigen, die er besuchte, nichtsvon seinen Wahnvorstellungen merkten. Schließlich brachten ihndie vielen höhnischen Zurufe, die er bei jeder Gelegenheit hörte,auf den Gedanken, sich zu erschießen.

Nach einem halben Jahre etwa fühlte er sich freier,wohlig,unternehmungslustig, heiter, begann vielzu reden, zu komponieren,kritisierte alles, schmiedete große Pläne, wurde unbotmäßig gegenseine Lehrer. Dabei dauerten die Stimmen, die er als Ein-flüsterungen höherer Geister auffaßte, fort. Auch Gesichts-täuschungen traten nun massenhaft hervor. Der Kranke sahBeethovens Bild vor Freude über sein Genie erglühen, Goethe, dener schlecht gemacht hatte, drohen; vermummte Greise, weiblicheIdealgestalten schwebten durch sein Zimmer. Er sah Blitze undherrliche Farbenspiele, die er zum Teil als Ausfluß seines großenGenies, zum Teil als Beifallsbezeugungen Verstorbener deutete.Nunmehr betrachtete er sich als den Messias, predigte öffentlichgegen die Prostitution, wollte ein ideales Verhältnis mit einerMusikschülerin anknüpfen, die er in fremden Häusern suchte,komponierte dasHohe Lied der Liebe und wurde wegen diesesunschätzbaren Werkes von seinen Neidern, wie er meinte, in dieIrrenanstalt gebrächt.

Der Kranke ist völlig besonnen und gibt über seine persön-lichen Verhältnisse zusammenhängende Auskunft. Über Zeit undOrt ist er klar, verrät aber, daß er seine Lage wahnhaft beurteilt,uns für Hypnotiseure hält, die mit ihm Versuche machen wollen.Als krank betrachtet er sich nicht, höchstens als etwas nervösüberreizt. Durch vorsichtiges Fragen erfahren wir, daß alle Leuteseine Gedanken wissen; wenn er schreibt, so werden die Worte vor