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VI. Vorlesung. Epileptisches Irresein.
Als leichtere und leichteste Form der Anfälle waren wohl diebei unserem Kranken sehr häufigen Verstimmungen zu betrachten,in denen der sonst gutmütige und vergnügte Mensch nörgelte, sichzurückgesetzt fühlte, seine baldige Entlassung verlangte, alleszusammenzuschlagen drohte und gelegentlich gewalttätig wurde.Nach wenigen Stunden, spätestens am nächsten Tage, war er wiederfreundlich, fing sofort an, sich fleißig zu beschäftigen, und hatteein ganz klares Verständnis dafür, daß er krank gewesen sei.Endlich sind noch eigentümliche deliriöse Zustände bei demKranken zur Beobachtung gekommen, „Träumereien“, wie er sienannte. In einer Nacht glaubte er sich im Hause seiner ver-heirateten Schwester, sprach mit seiner verstorbenen Mutter;ein anderes Mal kam es ihm in der Nacht vor, als ob ihm seinStiefvater Geld gebe. „Auf einmal denk’ ich, wo bin ich denneigentlich, Herrgott, man hat mich doch nicht herausgelassenaus der Anstalt, und ich bin doch auch nicht fortgelaufen! Wo-her hab’ ich denn Geld, und ich darf doch nicht trinken!“ Zudieser Gruppe von Zuständen ist gewiß auch der Besuch imHimmel zu rechnen, den er im Gefängnisse zu machen glaubte,wenn dabei auch alkoholische Delirien mithineingespielt haben.Mir scheint, daß sich der Unterschied beider gerade in derrascheren Berichtigung dieser letzteren sehr deutlich ausprägte.Vielleicht ist es auch auf solche deliriösen Zustände zurückzu-führen, daß der Kranke sich einmal bei seiner Arbeit oben aufdem Fenstergitter stehend fand, ohne zu wissen, wie er dahingekommen war. Ein anderes Mal sah man ihn im Bette liegen,mit einförmigen Bewegungen an der Decke zupfen und unver-ständlich vor sich hin murmeln, anscheinend in schwer benom-menem Zustande.
Einer oder einige dieser verschiedenartigen Anfälle traten fastjeden Tag auf, meist in Gruppen gehäuft. Die eingeschlageneBehandlung, die in der Darreichung von Bromnatrium bestand,hatte kaum Erfolg; auch die Anwendung des Opiums in steigenderGabe bis zu 3mal 60 Tropfen am Tage mit plötzlichem Ersätzedurch 12 g Brom, wie sie neuerdings empfohlen worden ist, bliebohne günstige Wirkung. Es ist indessen nicht ausgeschlossen, daßsich durch sehr lange Fortsetzung der Brombehandlung mit Gabenvon 4—6 g doch noch eine gewisse Besserung des Zustandes