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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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V. Vorlesung.

der Krankheit noch wenig entwickelt sind. Als Regel darf zu-nächst die allgemeine Erfahrung gelten, daß die Neurasthenie beisonst gesunden Menschen nicht ohne bestimmte, greifbare Ursacheaufzutreten, und daß sie beim Ausruhen verhältnismäßig raschwieder zu verschwinden pflegt. Sodann aber ist von größter Be-deutung der Umstand, daß Paralytiker die wirklichen Störungen,ihre Gedächtnisschwäche, ihre Reizbarkeit, ihre gemütliche Stumpf-heit, den Verlust ihrer Arbeitskraft, nur mangelhaft aufzufassenpflegen, statt dessen aber vielleicht alle möglichen absonder-lichen Beschwerden Vorbringen. Dagegen vermögen wir bei denNeurasthenikern meist nur wenige oder geringfügige Störungenwirklich nachzuweisen, obgleich sie von den Kranken selbst sehrpeinlich empfunden werden. Besonders deutlich tritt das meist indem Verhalten des Gedächtnisses hervor. "Während der Paraly-tiker kleine Widersprüche und Unsicherheiten vielleicht gar nichtbemerkt und überrascht ist, wenn man ihn darauf hinweist, hörtman den Neurastheniker über sein stets versagendes Gedächtnisklagen, ohne daß mehr, als etwa die Unfähigkeit zur Einprägungvon Namen oder Zahlen hervortritt, wie sie schon in der Gesund-heitsbreite häufig genug angetroffen wird.

Sind wir im vorigen Falle gewissen Krankheitszeichen begeg-net, die uns an katatonische Störungen erinnerten, so könnenandererseits die hier geschilderten Bilder auch weitgehende Über-einstimmung mit cirkulären Depressionszuständen darbieten. Siesehen hier einen 39jährigen Kaufmann vor sich, der in der Schulegut lernte, sich dann im Auslande eine gute Bildung erworben hatund sein Geschäft, das er seit 6 Jahren selbständig betreibt, sehrin die Höhe brachte. Sein Vater soll am Schlaganfall gestorbensein, während seine Mutter an Arteriosklerose und eine Schwesteran einer Hirnkrankheit leidet. Der Kranke klagt seit 67 Monatenüber Rückenschmerzen, Müdigkeit, Abnahme des Gedächtnissesund Unfähigkeit zur Arbeit, soll auch seine Bücher nicht mehrordentlich geführt haben. Er wurde schlaflos, verstimmt,schlecht, litt an Stuhlverstopfung und Urinbeschwerden, warschwach auf den Beinen, sprach undeutlich, drängte sinnlos ausdem Bette. Zugleich äußerte er Verfolgungsideen, es werde indie Wohnung hineingeschossen; das Haus werde eingeäschert. DerArzt empfahl daher wegen Melancholie die Aufnahme in die Klinik,