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II. Vorlesung.
die Vermutung aussprechen dürfen, daß sie in ihrem fernerenLeben wahrscheinlich noch öfters, entweder mit Depression, wiejetzt, oder mit Erregung erkranken, daß aber jeder Anfall voraus-sichtlich in Genesung endigen wird. Auch für den jetzigen Anfallläßt sich das bestimmt erwarten, doch ist es recht wohl möglich,daß sich vorher noch, wie früher, ein leichterer Erregungszustandeinschiebt*). Das vorhin erwähnte Lächeln könnte schon die ersteAndeutung eines solchen Umschlags darstellen.
Den Zustand schwerer Willenshemmung pflegt man mit einigenanderen,' äußerlich ähnlichen unter dem Namen „Stupor“ zu-sammenzufassen. Die hier vorliegende Form wollen wir als „cir-kulären Stupor“ bezeichnen, weil das manisch-depressive Irreseinwegen der wechselnden Wiederkehr der Zustände meist „cirkuläresIrresein“ genannt wird. Die gemeinsame Eigentümlichkeit allerStuporformen ist das Ausbleiben von sprachlichen oder sonstigenWillensäußerungen auf äußere Einwirkungen. Der Stupor istjedoch kein einheitlicher Zustand, noch viel weniger eine Krank-heit, sondern ein Zeichen, das sehr verschiedenen Ursprungs seinund daher sehr verschiedene klinische Bedeutung haben kann.Aber auch der cirkuläre Stupor begegnet uns in so mannigfaltigenGestaltungen, daß deren innerliche Übereinstimmung oft nichtleicht erkennbar ist. Sie sehen hier eine 44iährige Wirtsfra u vorSich, die seit etwa 10 Wochen erkrankt ist. Geistesstörungen sindin ihrer Familie bisher nicht vorgekommen; sie hat 3 gesundeKinder. Als ihr Mann vor kurzem genötigt war, seine Wirtschaftzu wechseln, fing die Kranke an, über Eingenommenheit des Kopfeszu klagen, machte sich grundlose Sorgen, die Kinder hätten keineKleider mehr; alles sei zerrissen; der bevorstehende Umzug sei ihrTod. Sie habe ihren Mann unglücklich gemacht; der Gerichts-vollzieher komme; es sei nichts mehr zu leben da; alles gehe zu-grunde. Zugleich sprach und aß sie wenig, starrte ins Leere,schlief fast gar nicht mehr. Da sie zudem nachts ein Messer mitans Bett nahm und Selbstmordgedanken äußerte, wurde sie in dieKlinik gebracht. Hier erwies sie sich als vollkommen besonnen,
*) Die Kranke ist nach ömonatigem Anstaltsaufenthalte unter Gewichts-zunahme von 13 Kilogramm ohne deutliche manische Erregung genesen undseither 6 Jahre lang gesund geblieben.