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I. Vorlesung. Melancholie.
während 3 Kinder klein gestorben sind. Ihr Vater soll vorüber-gehend geisteskrank gewesen sein.
Auf den ersten Blick scheint dieses Krankheitsbild von denanderen, einfacheren Formen wesentlich verschieden zu sein. Esläßt sich indessen leicht zeigen, daß die Abweichungen nur grad-weise sind. Sowohl hinsichtlich der Ausbildung der Wahnvor-stellungen wie der Stärke der Angst und ihrer Äußerungen findenwir von den zuerst geschilderten, meist als „Melancholia Simplex“bezeichneten Formen zu diesem Krankheitsbilde hier und nochdarüber hinaus alle nur denkbaren Übergänge. Oft genug bietetderselbe Krankheitsfall zu verschiedenen Zeiten bald das eine, balddas andere Bild dar. Es ist daher nicht möglich, hier eine zuver-lässige klinische Abgrenzung vorzunehmen.
Alle unsere drei Kranken standen in höherem Lebensalter.Das ist kein Zufall. Vielmehr scheint es, daß die Melancholie .wie wir sie hier geschildert haben, ganz vor zugsweise, v ielleichtausschließlich, im beginnenden Greisenalter, bei Frauen von denRückbild u ngs iahren a n. sich einst ellt. M an könnte sie als die krank -h afte Ausprägung des Gefühles der wachsenden Unzulän gli chke itauffassen, wie es auch dem Gesunden im gleichen Alter sich leiseroder stärker bemerkbar zu machen pflegt. Am leichtesten werdennatürlich, wie auch unsere Beispiele lehren, krankhaft veranlagteMenschen melancholisch werden; das weibliche Geschlecht scheintetwas mehr zu der Krankheit zu neigen, als das männliche. Vonäußeren Anlässen spielen gemütliche Erschütterungen, besondersder Tod naher Angehöriger, nicht selten eine auslösende Rolle,wenn sie auch wegen des Fehlens solcher Anlässe in anderenFällen nicht als die wirklichen Ursachen betrachtet werden dürfen.Der Ausgang der Krankheit ist meist ein ziemlich günstiger*). Etwaein Drittel der Kranken wird völlig gesund. In schweren und langedauernden Fällen' kann' eine stärkere gemütliche Stumpfheit' nebenden abgeblaßten Spuren der ängstlichen Verzagtheit Zurückbleiben;auch das Urteil und das Gedächtnis können dann erhebliche Ein-buße erleiden. Der Verlauf ist immer ein langwieriger und er-
*) Von unseren Kranken ist der erste seit mehr als 9^ Jahren, die zweiteseit 5 Jahren genesen. Die dritte ist nach 472jähriger Krankheitsdauer un-geheilt an Lungenschwindsucht gestorben.