Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

Melancholie.

9

geradezu den Teufel geheiratet, komme nun nicht in den Himmel;sie und ihre Kinder seien wegen ihres unchristlichen Vorlebensverdammt. Zugleich trat große Unruhe und fast völlige Schlaf-losigkeit auf; die Kranke jammerte, schrie und weinte anhaltend, auch nichts mehr und mußte daher bald in die Klinik gebrachtwerden.

Hier war sie besonnen, klar über ihre Umgebung, geriet aberallmählich in sehr große ängstliche Erregung, die sich in ein-förmigem, fast unerträglichem Schreien äußerte. Nur für kurzeZeit war dasselbe durch Fragen zu unterbrechen, auf die sie immerAntwort gab. Dabei förderte sie aber eine Menge der abenteuer-lichsten Vorstellungen zutage. Sie sei die Schlange im Paradiesegewesen, habe ihren Mann, der übrigens Adam hieß, verführt, sichund ihre Kinder verwunschen, alle Leute unglücklich gemacht.Darum werde sie verbrannt, war schon in der Hölle, sah dort imAbgrunde ihre schrecklichen Sünden. Das Firmament ist ein-gefallen; es gibt kein Wasser, kein Geld, kein Essen mehr; sie hatalles umgebracht, den Weltuntergang verschuldet;die ganze Weltliegt auf meiner Seele. In einem Schriftstücke an das Amtsgerichtklagte sie sich aller dieser Verbrechen an und bat, sie doch insGefängnis zu werfen; auf einen Zettel schrieb sie als ihren NamenTeufel.

Sie können sich jedoch leicht davon überzeugen, daß dieKranke, während sie sinnlos schreit und derartige Wahnvor-stellungen vorbringt, ganz gut weiß, wo sie ist, die Ärzte kenntund auf Fragen nach den Verhältnissen in ihrer Heimat abge-rissene, aber zutreffende Auskunft gibt, auch Rechnungen richtigausführt, um allerdings sofort wieder in ihr eintöniges Jammernzu verfallen. Bisweilen tritt auch bei ihr ein gewisses Krankheits-verständnis hervor.Man meint bald so, bald so. Manchmalkommt es mir ganz anders vor, als wenn es nicht so wär; manch-mal ist es, als wenn es geträumt wär, und manchmal, als ob esWirklichkeit wär. Körperlich ist die Kranke infolge mangelhafterNahrungsaufnahme und schlechten Schlafes recht heruntergekom-men, zeigt aber sonst keine Erkrankung. Sie hat 3 gesunde Söhne*),

*) Einer derselben ist späterhin katatonisch erkrankt und verblödet.