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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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I. Vorlesung.

weisbare Ursache 78 Monate vor der Aufnahme allmählich,- zu-erst traten Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden, dann dieVersündigungsideen auf. Das Körpergewicht ist nach der Auf-nahme zunächst etwas gesunken, jetzt aber langsam wieder um7 Kilogramm gestiegen.

Der auffallendste Zug in dem vorliegenden Krankheitsbilde istdie ängstliche Verstimmung. Dieselbe gleicht auf den erstenBlick der Ängstlichkeit des Gesunden, und auch der Krankemeint, er sei immer etwas ängstlich gewesen; es sei nur schlimmergeworden. Allein die Angst hat nicht den mindesten äußerenAnlaß, und sie dauert trotzdem viele Monate lang in zunehmenderStärke an. Darin liegen die Kennzeichen des Krankhaften. Aller-dings bezeichnet der Kranke selbst seine Jugendsünden als Ursacheder Angst. Es ist jedoch klar, daß ihn diese Dinge, auch wenn siewahr sind, vor der Krankheit nicht sonderlich beunruhigt haben;sein Gewissen ist erst jetzt wieder erwacht. Seine früheren Hand-lungen erscheinen ihm seitdem in einer ganz anderen, verhängnis-vollen Beleuchtung: es tritt jenes Krankheitszeichen hervor, daswir alsVersündigungswahn bezeichnen. Als ein Ausflußder Angst ist auch die Vorstellung des Kranken zu betrachten, daßder Böse im Zimmer gewesen sei, daß man ihn holen wolle, daßer von Gott abgefallen sei. Um eigentliche Sinnestäuschungenhandelt es sich bei jener ersteren Äußerung nicht; es ist demKranken nurso vorgekommen. Er hat auch ein lebhaftes Gefühldafür, daß eine erhebliche Veränderung mit ihm vorgegangen ist;es ist ihmnicht so wie früher. Im einzelnen ist er freilich nichtimstande, die Krankhaftigkeit seiner Versündigungsideen undseiner Befürchtungen richtig zu beurteilen.

Das hier gezeichnete Krankheitsbild belegen wir mit demNamen der Melancholie. Wir haben es dabei mit der allmäh-lichen Entwicklung einer ängstlichen Verstimmung zu tun, an diesich bald mehr, bald weniger ausgebildete Wahnvorstellungen an-schließen. Am häufigsten sind Versündigungsideen, die meist einereligiöse Färbung annehmen, die Meinung, von Gott abgefallen,verlassen, vom Teufel besessen zu sein, aber auch sog. hypochon-drische Ideen, der Wahn, nie mehr gesund zu werden, keinenStuhlgang mehr zu haben u. ähnl. sind nicht selten. Dazu geselltsich ferner oft die Furcht, zu verarmen, verhungern zu müssen,