A n h a n g.
Ueber malayische Volkslieder.^)
Es giebt eine ursprüngliche Poesie, die dem Menschen einwohnt,wie die Stimme den Vögeln. Das Volk läßt sich von unbefugtenVorsängern nicht verleiten, sondern bleibt seinen eigenen Liedern ge-treu. Ein Lied, das im Volke angeklungen, überschreitet oft, un-begreiflicher Weise, die Scheidegrenzen der Sprachen, erhält sich durchden Wechsel der Zeiten, und man trifft auf den entlegensten Punk-ten Europa's unter örtlichen und eigenthümlichen Gesängen dieselbenLieder wieder an. Ja man wird oft überrascht, wenn man die Lie-der von Völkern, die einander gänzlich fremd geblieben sind, zusam-men vergleicht, sie einander so ähnlich zu finden, als wären sie auseiner Quelle geflossen, und es verhält sich auch also: es sind Stim-men der Natur.
Wir finden im Munde unseres eigenen Volkes Lieder, die unsdie Pantun, die Volkslieder der Malayen auf den ostindischen In-seln, auf das treffendste vergegenwärtigen.
„Es ist nicht lang, daß es g'regnet hat,
Die Bäumli tröpfeln noch —
Ich Hab' ein Mal ein Schätz'l gehabt,
Ich wollt', ich hätt' es noch."
*) Aus dem Morgcnblatt 1822, Nr. 1, Einleitung zu der Uebersetzung ma-lahischer Volkslieder, Bd. 3. S. 133.