102
alterlichen Schlössern von den Wohnzimmern aus direkt, ohneTreppensteigen, nur iiher einen Gang — der in unserm Falleüber dem Tonnengewölbe hinführte — zur Kapelle begab. Nurfür den Küster führte eine enge, steile Stiege von der Durch-fahrt zur Residenz aus nach dem Chor der Kapelle. Dieübrigen Teilnehmer am Gottesdienste aber traten von Westenher durch eine einfache Rundbogenthür ein in den grossenhohen Raum, dessen gegenüberliegender Wand, als Verlängerungund Abschluss eines gedachten Mittelschiffes, eine halbkreis-förmige Apsis vorgelagert ist. Das frühere Tonnengewölbedes Langhauses wie das Kuppelgewölbe des Chors, deren An-sätze sich noch unterhalb der jetzt hier wie dort eigemauertenflachen Decken erkennen lassen, haben sicherlich die feierlicheWirkung des Raumes bedeutend erhöht. In den Winkeln, dieder Rundbogen der Apsis mit den geradlinigen Ansätzen derOstwand bildet, befinden sich beiderseitig kleine Einbauten:rechts stossen wir auf die schon erwähnte schmale Stiege, linksöffnete sich eine jetzt vermauerte Rundbogenthür nach einemkleinen vermutlich als Sakristei benutzten Raum, von dem ausman einen nach dem Dom zu führenden Gang betritt, überwelchen wir noch zu sprechen haben werden.
Wann mit diesem Bau begonnen wurde, darüber habenwir nur die Mitteilung in den Annalen des freilich gerade inden chronologischen Angaben vielfach unzuverlässigen ThomasC-resse, der dafür das Jahr 1537 angiebt 1 ). Möglich ist dieseZeitangabe immerhin. Wir haben einen Baubericht über diesesGebäude, leider aber ist er weder datiert noch hat er eineUnterschrift 2 ). Nur so viel sehen wir, dass er in einem Herbstabgefasst ist: denn es wird mehrfach der bevorstehende Winterin Rechnung gezogen und manche Arbeit bis auf das kommendeFrühjahr aufgeschoben.
Der Bericht spricht von der „Kapelle samt dem Hiuter-liause“, er unterscheidet Giebel „am hinteren Hause“ und „vornauf der Kapelle“. Es ist wohl das eine Haus gemeint, dernördliche Flügel der Residenz, bei welchem zwischen demeigentlichen Kapellenbau mit seinem Tonnengewölbe und seinerVerlängerung nach „hinten“, nach Westen zu, geschieden wird.
1) Fol. 250. Offenbar hiernach Olearius 248.
2 ) Beilage 11.