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Geschichte der Heraldik. V. 3.
Auf der Ausstellung von „Erzeugnissen der deutschenFrisirkunst" welche der Bund der deutschen Perrücken-macher und Friseur-Innungen Ende Juli 1884 zu Berlinveranstaltete, befand sich ein Herrentoupe, in welchesdas Aachener und Berliner Stadtwappen hinein-geknüpft war. Ferner eine weisse von Golinski in Ber-lin aus einem Stücke Gaze gefertigte Perrücke, in welchedas Kaiserliche Wappen mit schwarzem Haar ein-gearbeitet war').
Auf Geschäftsanzeigen werden häufig Wappen an-gebracht. Die Firma W. Spindler in Berlin legte voreinigen Jahren den Berliner Zeitungen eine Geschäfts-empfehlung bei, deren Einfassung die Wappenschildevon 20 Städten enthielt, in welchen die Firma Com-manditen hat.
Seit der Verdeutschung des Wappenspiels des Abbede Brianville, welches in Deutschland kein Glück machenkonnte, da sich in demselben die pädagogische Tendenzallzupedantisch vordrängte, war bei uns kein Versuchmehr gemacht worden, ein wirklich spielbares Wap-penspiel zu ersinnen. Diese Aufgabe wurde von Pro-fessor Ad. M. Hildebrandt in äusserst glücklicher Weisegelöst, Zu Weihnachten 1882 erschien 2 ) ein von diesemKünstler gezeichnetes Wappenspiel, welches von derPresse sehr günstig beurtheilt wurde. Die MagdeburgerZeitung schrieb damals:
„Es ist den früher üblichen sogenannten „Post- undReisespielen" etwas ähnlich, nur werden hier die Sta-tionen durch eine lange Reihe von bunten Wappen ge-bildet, welche die Spieler nacheinander passiren, indemsie sich solcher Würfel bedienen, welche auf den sechsSeiten die sechs heraldischen Farben zeigen, wer z. B.Roth-Gold wirft, besetzt das erste Wappen in der Reihe,welches diese Farben zeigt, während Würfe wie Rothmit Grün oder Blau mit Schwarz — heraldisch nner-erlaubte Farbenzusammenstellungen — ungültig sind.Freiherrliche, gräfliche und fürstliche Wappen, so wieder Johanniter- und der Schwarze Adler-Orden bildenbesondere Stationen, eben so die Wappen des Kron-prinzen , des Fürsten Bismarck etc. Wer zuerst dasWappen des deutschen Reiches erreicht, ist Gewinner;wer zufällig auf den Schild einer ausgestorbenen Fa-milie geräth, verliert seinen Einsatz, wer ein gräflichesWappen besetzt, darf mehrmals nach einander würfeln,muss aber für die „Erhebung in den Grafenstand" eineGebühr an die Kasse zahlen u. s. w. Das Spiel, anwelchem sich bis zu sechs Personen betheiligen können,ist ausserordentlich amüsant; besonders willkommenwird es der reiferen Jugend sein, welche an demselbensich die am häufigsten vorkommenden Wappenbilder,die wichtigsten heraldischen Regeln, die Unterschiededer Kronen etc. leicht einprägen kann, aber auch Er-wachsene werden sich gern in einer Mußestunde damitbeschäftigen. — Das Spieltableau, von Prof. Hildebrandtin Renaissancestil gezeichnet, ist in brillantem Bunt-druck vorzüglich vervielfältigt und bildet an sich einprächtiges Kunstblatt, im Gegensatz zu den meistenvorhandenen Würfelspielen, deren Zeichnung häufig einedurchaus unschöne ist. Ein besonders reich ausgestatte-tes Prachtexemplar des „Wappenspiels" soll dem Spiel-schrein einverleibt werden, welchen der Berliner Kunst-gewerbeverein den kronprinzlichen Herrschaften zurbevorstehenden silbernen Hochzeit zu überreichen beab-sichtigt."
Ueberaus vielseitig hat sich die Verwendung derWappen zum Schmuck von Festräumen, bei festlichenAufzügen und dergl gestaltet. Diese Sitte ist so all-
1) Zeitungsnachricht.
2) Im Verlage von H. S. Hermann in Berlin,Beuthstr. 8.
gemein geworden, dass man sagen kann, die Nicht-anwendung der Wappen gehöre zu den Ausnahmen.
Von den Offiziers-Corps der Garnison von Hannoverwurde am 19. Febr. 1880 ein Reiterfest gegeben, überwelches die Berliner Kreuzzeitung (Beilage zu No. 47)einen genauen Bericht brachte. Wir entnehmen dem-selben folgende Stelle:
„Es erfolgte ein Glockenschlag und erscholl von derhochgelegenen Musiktribüne die Königsfanfare. Als siegeendet, ging die riesige Portiere der Eingangsthür aufund herein ritt ein Pauker und ein Trompeterchor aufherrlichen Schimmeln in mittelalterlichen Costümen, dasPaukenpferd von 2 Mohrenknaben geführt. Unterschmetternden Fanfaren durchritten sie die Bahn undnahmen dann, zur Seite schwenkend, in der Mitte Platz,während nun vier Herolde in prächtigem Costüm aufschönen, reich ajustirten Pferden einritten. Der vor-derste trug Farben und Wappen des neuen deutschenReiches, der mittlere des alten deutschen Reiches, diebeiden diesen zur Seite reitenden die preussischen bez.sächsischen Farben und Wappen. Die Herolde salutir-ten mit ihren Stäben vor der Hofioge und sprengte dannder eine von ihnen zurück, um die nun folgenden Qua-drillen einzuführen. Unter den Klängen des Marschesaus Oberon erschienen nun lange Reiterzüge; zuerströmische Ritter aus dem 1. Jahrhundert mit goldenenHelmen und Rüstungen, die Pferde auf Trense und stattdes Sattels ein Bärenfell; es folgten ihnen deutscheKreuzritter aus dem 11. Jahrhundert in silbernenSchuppenpanzern mit weissem Ueberwurf, silbernenHelmen und Lanzen in der Hand. Auf der Brusttrug jeder Ritter sein Wappenschild un«auf dem mit dem Kreuze geschmücktenHelme die Embleme seines Wappenhelmes."Ein Bericht über das Allgemeine DeutscheTurnfest, welches am 24. Juli 1880 in Frankfurt a.M-eröffnet wurde besagt: „Ueberall flattern die Fahnen.Wimpeln und Standarten in den neuen Reichs- und deiiFrankfurter Farben. Auf der Zeile an dem Volkert'-schen Hause steht die höchst gelungene Büste Jahns,die sich von einem reichen Hintergrunde malerisch ab-hebt. Daneben prangen die Nachbarn in frischen grünenGuirlanden und rufen die Frankfurter Stadt-wappen den erwarteten Gästen ein Will'kommen zu." Die Frankfurter Frauen und Jung-frauen hatten eine Turnerbundes fahne gestiftet,welche vom Oberbürgermeister Dr. Miquel übergebenwurde. Am Schlüsse seiner Rede sagte derselbe: n°j?eröffne ich dies Fest mit dem letzten, aber besten Grußder Frauen und Jungfrauen Frankfurts. In ihrem Auf-trage überreiche ich der deutschen Turnerschaft diesschöne Banner, ein Wahrzeichen der Gemeinschaft,welche nach den Worten unseres Turnvaters Jahndurch die Turnerei die Unterschiede der Stämme undStände verwischen soll. Möge diese Fahne als ein Sinn-bild der Eintracht und der Liebe zum Vaterland diedeutsche Turnerschaft verehren, mögen die endlichwiederaufgerichteten Wappen des deutschenReichs die edle deutsche Jugend als ein stets sichererLeitstern dem Ziele der höchsten körperlichen und gei-stigen Ausbildung entgegenführen."
In einem Berichte über die 50jährige Juh^o'oJder technischen Hochschule in Hannover am 2. Juni 180*las ich: „Von sechs Rossen gezogen, kam dann eineder Gegenstände des Festzuges, der Festwagen mit deFahne der technischen Hochschule, begleitet von z w *Studirenden in Wichs: auf schiffsäbnlichem Unterbaugruppiren sich die fünf Facultäten: Architektur unMathematik, Ingenieurwesen und Maschinenbau, Inge-nieurwesen und Chemie, Mathematik und Naturwissen-schaften. Der untere Theil des polychromisch reicdecorirten Wagens ist durch H'albsäulen in Felder g