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Geschichte der Heraldik. V. 3.
frisch und rastlos; es war der schwarze preußischeAdler auf unserer Flagge. Er hat auf dem Rheine dendoppelten um so mehr ersetzt, als er gerade einenstatt mehrerer Köpfe hat, dagegen scharfe und ge-übte Klauen besitzt, die ihn zum Gränzwächter eignen,wovon ich in Mainz bei Besichtigung der dortigen Be-satzung mich zu überzeugen Gelegenheit hatte. Esist ein kühner, gewaltiger, kluger, und, was viel be-deutet, ein junger Vogel, der noch weit und viel fliegenund Deutschlands Gaue wohl umkreisen mag. . . ,"
Bei der Verhandlung des Oberschlesischen Noth-standsgesetzes in der Sitzung des preußischen Abgeord-netenhauses vom 5. Febr. 1881 sagte der Abg. v. d.Knesebeck:
„sie mögen der dortigen Bevölkerung zu Gemütheführen, dass das deutsches Geld ist, welches derselbenbei dieser Gelegenheit in so großer Masse zufließensoll, u. dass die Thaler, die wir dorthin schicken, mitdem preußischen Adler und mit dem Bild des Kaisers,des deutschen Kaisers geprägt sind. Ich hoffe, dassdadurch den Leuten Veranlassung gegeben wird, sichmit der grösseren deutschen Nation wiederum in einfreundliches Verhältniss zu setzen."
Der Abg. v. Heydebrand u. d. Lasa erwiderte darauf:
„dass nach meiner sehr genauen Kenntniss derVerhältnisse in Oberschlesien überhaupt kein andererAdler etwas gilt als der preußische und deutsche(Bravo l)'i)
Auf der (Berliner) Industrie-Ausstellung von 1879war die Weißbierstube mit Wandgemälden geschmückt,in denen humoristisch gezeigt wurde, wie der BerlinerBär sich zuerst vorsichtig dem Weissbier naht, sichallmählig mit ihm befreundet und endlich demselbenganz hingegeben ist. 8 )
Als die europäischen Großmächte 1880 beschlossenhatten die Abtretung des albanischen Bezirks von Dul-cigno an das Fürstenthum Montenegro mit Hülfe einerFlotten-Demonstration durchzusetzen, brachte ein Lon-doner Witzblatt folgendes Bild: der britische Löwe,umgeben von den Wappenthieren der übrigen Mächte,wie sie gegen ein Häuflein Albanesen vorrücken, unterVortragung einer Fahne auf der geschrieben steht:Nur keine Angst, meine Herren."
Auf einem Bilde zur Eröffnung der Hygiene-Ausstel-lung in dem Witzblatte „Ulk" (Nr. 19 vom 10/5 1883)erscheint der Bär als Schleppenträger der .Berolina",d. h. die weibliche Gestalt ist durch den Bären alsBerolina gekennzeichnet.
Ein Berichterstatter des Berliner Börsencouriers,welcher im Mai 1882 der Eröffnung der Gotthardbahnbeiwohnte, schrieb damals :
„Auf viereckigem Postament erhebt sich eine DorischeSäule, welche die republikanische Einfachheit auf ihreFormen übertragen hat, und darauf steht das unver-meidliche Frauenbild mit dem unvermeidlichen Lorbeer-kranz. Das Kreuz auf dem Wappenschild — monumen-tale Gyps - Jungfrauen sind immer gewappuet, derSchild ist gewissermaßen ihreVisitenkarte n-tasche — sagt Jedem, dass er hier Fräulein Helvetiavor sich habe, welche den Ankommenden den Lorbeer-kranz entgegenhält. Der obere Theil des Postamentsunter der Säule zeigt in vier Kranz-Umrahmungen dieWappenthiere der Subventionsstaaten, und weiter untensitzt in vier Nischen viermal derselbe Gnom oder Berg-mann, der etwas blöde auf vier verschiedene Werk-zeuge blickt, welche er augenscheinlich als ungeeignetfür seine Zwecke erachtet. Fahnen verbergen glück-licher Weise einen Theil dieser conventioneilen Symbolik."
Auffallend ist es, wie sich heute noch in Zeitenallgemeiner politischer Erregung das Volk des Wappen-thumea erinnert, — im Guten wie im Bösen. Mit Be-geisterung und Liebe oder mit Wuth und Hass blicktes in solchen Fällen auf das repräsentative Wappen hin.Alle diese Fälle so bedauerlich sie auch sein mögen,beweisen, dass das Wappenwesen im Volksleben einetiefe Wurzel hat, die nach langen Zeiten der Stag-nation immer wieder frische Triebe hervorbringt, die indem vereinzelten Falle abschreckend und missbildetsein mögen, aber doch Kunde geben von der Bedeutungdes Wappenwesens,
Die Berliner „National-Zeitung" schrieb im J. 1880(Nr.414) in einem Leitartikel über die Reichsfarbenund das deutsche Heer:
„Es ist sicher kein leichtes Spiel, was zu solchenSymbolen hat greifen lassen, sie entsprechen einem all-gemeinen und unüberwindlichen Bedürfniss des Volks-geistes. Jede Nation hat dergleichen Zeichen, jedepflegt sie, schützt und verehrt sie. Die Fahne ist füralle Nationen eine Art Volksheiligthum; eine mystischeWeihe ist über solche Farbenzusammenstellungen ver-breitet; eine ganze Welt von Gefühlen wird wach,wenn diese Zeichen sich entfalten und wenn die täg-liche Gewohnheit diese Eindrücke leicht in den Hinter-tergrund drängt, so treten sie nach langer Trennung)im Auslande, bei besonderer Veranlassung mit derganzen fortreissenden Gewalt einer Naturkraft hervor.Ein Stück VoIkspoe.sie steht darin leibhaftig voruns, dessen Pflege, gerade weil sie sich dem Staatezuwendet, auch ein eminentes Staatsinteresse ist.
Was hier von den Fahnen gesagt ist gilt von altenvolksthümlichen Abzeichen.
Die Westfalen gaben im J. 1858 einen Beweis vonder Volkstümlichkeit ihres Wappenthieres, des weissenPferdes, indem sie dem damaligen Prinzen und derPrinzessin Friedrich Wilhelm einen Schimmel s* 9Hochzeitsgeschenk darbrachten. Das Geschenk wurde1883 bei Gelegenheit der Silbernen Hochzeit wieder-holt.
Auf dem Schützenfest zu Genf im J. 1851 brachtebei dem Festessen Dr. Brenner von Basel „einen en-thusiastischen Toast auf den Adler aus", der (wie derCorrefpondent der Augsb. Allg. Ztg. schreibt:) beiläufiggesagt noch von deutschen Reichszeiten her sich u»Genfer Wappen erhalten hat — „ce Symbole de la force,de la liberte et de la generositö, l'aigle, qui proclaniele principe: post tenebras lux\" (Die Devise des GenferWappens). •) ■
In der Volksabstimmung des Cantons Genf überdie Trennung der Kirche vom Staat, resp. über die,Aufhebung des Budgets der Culten, welche in denersten Julitagen des Jahres 1880 stattfand, wurde z urBeeinflussung der Stimmberechtigten u. A. ein mächtigesPlacat benutzt, das vor den Schlingen der Separatistenwarnt, und das Wappen Genfs, Schlüssel und Adler mitder Umschrift: Post lucem tenebrae (statt post tene-bras lux) unter einem Jesuitenhut zeigt. 4 )
Eine Wiener Zeitung v. J. 1848 meldet: „Als dieKunde von den am 13. März in stattgefundenen Er-eignissen im höchsten Grade übertrieben und entstellin Bom anlangte, verbreitete sich daselbst eine uner 'hörte Aufregung. Am 21. März- gegen Mittag drangein Pöbelhaufen in den Palast des Kaiserl. Botschafter»und forderte von demselben mit Ungestüm, dass er daösterreichische Wappen von den Mauern des Palaste
1) Stenogr. Bericht.
2) Sonntagsbeilage Nr. 39 zn National-Zeitung 1883.
3) Augsburger Allg. Ztg. 1851 Nr. 202 S. 3221-
4) Aus einer Genfer Correfpondenz der Berlm eZeitung „Post" Nr. 183 vom 7. Juli 1880.
5) Wiener Zeitung.