Geschichte der Heraldik. V. 8.
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Bau des neuen berliner Packhofes ausgeführt werden,wurde vor einiger Zeit ein goldener Siegelring gefundenund von den Arbeitern den Vorschriften gemäss abge-liefert. Der Ring war vollständig erhalten und derWappenstein unverletzt, sodass leicht ein genauer Ab-druck genommen werden konnte. Niemand kannte in-dessen das zierliche Wappen, und es wurde daher einAbdruck an das königliche Heroldsamt gesendet undum Auskunft gebeten. Die Antwort blieb nicht langeaus: das Wappen gehöre der Familie von Heynitz, diein Sachsen ansässig sei; ein Mitglied der Familie haltesich in Berlin als Offizier und Dir.-Mitglied der Kriegs-akademie auf." Demselben wurde alsdann gegen einedem Finder gezahlte Belohnung der Ring ausgehändigt.
Bei Diebstählen bilden daher die auf den Gegen-ständen angebrachten Wappen ein werthvolles Recog-nitionsmittel. >)
In Berliner Blättern wurde im J. 1884 ein ge-stohlenes Oelgemälde wie folgt beschrieben: „Das Ge-mälde stellt ein einfaches Landhaus in einem Park dar,links von dem Haus« steht im Vordergründe eine grossealte Fichte, dahinter befindet sich ein Wasserfall. Inder Ecke steht der Name der Malerin, Fräulein M.v. Keudell, auf dem Rahmen ist ein Schildchen miteinem Familienwappen, einen Mönch darstellend, ange-bracht. Vor Ankauf des Gemäldes wird gewarnt."
Dass neugeadelten Familien immer noch Wappenverliehen werden, beweist selbstverständlich nicht, dassdie Wappen nothwendig sind, denn hier handelt esnur um die Beobachtung eines vielhundertjährigen Her-kommens. Der Beweis wird aber erbracht durch Ent-stehung volkstümlicher Abzeichen, durch die Annahmevon Wappen seitens solcher staatlicher oder, corpora-tiver Organisationen, für die man Aehnlichkeiten inder Vergangenheit vergeblich suchen würde.
Durch die Genfer Convention vom 22. August 1864wurde das gesammte Sanitätswesen im Kriege für neu-ral erklärt und um den Schutz der Neutralität wirk-sam zu machen, für das Personal und für alle Einrich-tungen, welche den Zwecken des Sanitätswesen dienen,das rothe Kreuz im weissen Felde als Abzeicheneingeführt. Ueber diese seine ursprüngliche Bestimmungist das Abzeichen längst hinausgewachsen. Es istlicht nur das allgemeine Zeichen der Krankenpflege,z - B. der Sanitätswachen in Berlin, sondern wird auchz ü Reclamezwecken missbraucht, so von den Barbierern,chemischen Waschanstalten, an Wagen für künstlicheMuttermilch u. dergl.*)
Als eine Ergänzung der Thätigkeit des rothenKreuzes hat sioh in Oesterreich-Ungarn am 25. April1882 unter dem Präsidium des Fürsten Adolf JosephTon Schwarzenbergeine Gesellschaft vo.m weissemKreuz gebildet, welche den im Kriege "verwundetenoder erkrankten Soldaten in allen Kurorten Oesterreichs-"ngarns unentgeltliche Pflege verschaffen will.
Eine von der Schweiz ausgehende Mäßigkeits-bewegung der Gegenwart, welche Ende September 1886«» der Schweiz 112 Vereine zählte, hat sich ein blauesKreuz im Weiss zur Flagge erwählt*).
1) So sagt F. Reuter in seiner köstlichen Erzäh-tong Franzosentid S. 137.
. »Stahlen is dat All, Möller . Hir up dat Sülwerttfg» dat Uertzensche Wapen. dat kenn ick. De Lapelhett de Spitzbauw hir in de Nahwerschaft stahlen."
2) Um dem Missbrauche des rothen Kreuzes zufeuern, hat das Internationale Comitee in Genf imJahre 1889 zwei Preise (500 und 300 Frks.) für diebesten Lösungen der Frage ausgeschrieben.
8) Vergl. hierüber die Sonntags-Beilage No. 8 zurWationateeitung vom 20. Februar 1887.
Durch den Vertrag des Deutschen Reiches mit derAssociation africaine d. d. Brüssel 8. Novbr. 1884 $ Verkennt das deutsche Kaiserreich die Fahne der Asso-ciation — blaue Fahne mit goldenem 8tem iftder Mitte — als diejenige eines befreundetenStaates an. —
Die deutschen Turner führen ein aus acht lateini-schen F gebildetes Kreuz, welches dem Wahlspruch«„frisch fromm froh frei" entspricht. Erfinder des Ab-zeichens soll der Kupferdrucker Heinrich Feising inDarmstädt gewesen sein, der es im J. 1846 entwarf,oder dem aus dem Buchstaben X. geformten Kreuzenachbildete, welches auf Münzen Königs Ludwig XIV.von Frankreich vorkommt. —
In dem modernen großstädtischen Leben entstehenzuweilen Zustände, die ähnlich sind denjenigen, welchevor vielen Jahrhunderten zur Ausbildung des Wappen-wesens geführt, und unleugbar mit dem letztereneinzelne Berührungspuncte haben, die eben nur be-zeugen, dass man bei verwandten Bedürfnissen aufverwandte Auskunftsmittel verfällt.
Im gewerblichen Leben Berlins hat sich eineigenthümliches Abzeichen-System, welches allgemeinin Gebrauch ist, entwickelt. Der Boden, auf dem sichdasselbe erzeugt hat, ist die Ueberladung mitInschriften, die für die Aufmerksamkeit und Kauf-lust der Vorübergehenden berechnet sind, sioh aber inihrer Fülle gegenseitig erdrücken und schliesslich nichtmehr beachtet werden.
Ein vergoldeter Kegel in Form eines Zuckerhutsüber dem Ladeneingang auf eisernem Gestell ange-bracht bedeutet — und das ist noch das naheliegendste —die Spezerei- und Colonialwaaren-Handlung.
Eine vergoldete Kugel ist das Abzeichen der Butter-handlung.'
Ein „Resterhändler" in Berlin (Wallstr.), welcherReste von Zeugstoffen auf Lager hat, hat seinemFirmenschild einen in drei Reihen und drei Plätzengescliachten Schild (jeder Platz von anderer Farbe) auf-malen lassen. (März 1887).
In der ganzen Mark .Brandenbarg hängen dieSeiler eine sogenannte Kiepe (ein aus Streifen vonWeidenholz geflochtener viereckiger Korb, dessen Deckelaufgestülpt wird, so dass die verschlossene Kiepe einregelrechtes Viereck bildet) in Form der heraldi-schen Schachirung von Weiss und Schwarz bemaltüber dem Eingang zu ihren Geschäftsräumen auf.
2. Capitel.Die WappenftUilgkeU.
In der deutschen Literatur der neueren Zeit zeigtsich eine Auffassung des Wappenthumes, deren Ent-stehen sich zwar geschichtlich sehr wohl erklären lässt,die aber trotzdem eine durch und durch irrige ist. DieGegner des Adels kennen das Wappen nur als Attri-but des „Feudalismus" und der „Reaktion" 4 ), der Adel
4) So schreibt Frau Marlitt in ihrem Moderomane„Goldelse", in dem sich ein schlichter Oberförster Fernerals eigentlicher Herr v. Gnadewitz entpuppt:
„Onkel!" rief das junge Mädchen, „stelle Dich, wieDu willst, ich weiss doch, dass Dir nicht einfällt, daszerbrochene Wappen der Gnadewitze wieder zusammen-zufügen."
„Aber ich sehe nicht ein, es ist ein ganz hübschesWappen mit Balken, Sternen — "
„Und einem Rade voller Blutflecken", unterbrachihn Elisabeth . . ."
Selbst Aug. Becker spricht in einem Romane, dersonst treffliche Ansichten über die Berechtigung des