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Geschichte der Heraldik : Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft
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Geschichte der Heraldik. V. 3.

Wappens sind es eben, welche der Heraldik durch 500Jahre immer wieder eine Gemeinde zugeführt haben. Dieseunverwüstliche Verjüngungskraft berechtigt zu der Be-hauptung, dass das Wappenwesen eines der Merkmaleunserer Kulturperiode ist, und dass diese jenes nichtüberdauern wird.

Die Pracht der heraldischen Ornamentik verleihtdem Heimwesen auch des Bürgers den schönstenSchmuck, der durch den ethischen Sinn des Wappens')etwas wahrhaft Weihevolles gewinnt.

Gelegentlich der heraldischen Ausstellung vomJ. 1882 schrieb dieNational-Zeitung" (No. 155 vom1. April):

Wir wissen alle, wie in unserer Zeit im groß-städtischen Leben die Familie zerfällt. Die Ueber-lieferung geht nicht viel weiter als die Erinnerung undgleichsam losgelöst schwebt das lebende Geschlechtzwischen Vergangenheit und Zukunft. Dass dieser Zu-stand der Herzlosigkeit und dem Egoismus in die Händearbeitet, dass er ein Feind der Entwickelung aller jenerunschätzbaren Eigenschaften des Gemüths ist, die nurin tiefem Boden Wurzel schlagen, haben wir an tausendBeispielen erfahren. Es ist ja auch schon lange dasBestreben der Einsichtigen, den Familiensinn zu stützenund zu heben. Ein Kittel, selbstverständlich nicht dasMittel, denn die große Aufgabe kann nicht von einemPuncte aus gelöst werden, würde die Erneuerungder Sitte sein, durch ein Wappen beständigan das Dasein der Familie zu erinnern. Wirwissen, dass zur Weihe dieser Institution erst dieUeberlieferung führt. Aber noch ist diese nicht abge-brochen, noch ist sie im Adel und in den alten Familiender Reichsstädte lebendig, und es gälte nur, hier wiederanzuknüpfen. Man hat uns entgegnet, unser Lebensei ein anderes geworden. Es sei nicht mehr sesshaftgenug, es sei zu unbeständig, grosse Vermögen gingenso schnell in Trümmer, wie sie erworben wurden. Aberwarum herrscht ein solcher Wechsel im Besitzstande,der gewiss nicht von sittigendem Einfluss ist? Dochnur, weil der Lebende ohne Pietät gegen seine Vor-fahren und ohne Gefühl der Verpflichtung gegen seineNachkommen mit dem Erworbenen oder Ererbten leicht-sinnig wirtschaftet. Und wenn es ein Mittel gäbe,die Nomadenhaftigkeit des Großstädters einzuschränken,so wäre das gewiss auch kein Schade. Die bloße An-nahme eines Wappens thut natürlich nicht viel. Eswird ein rein äusserliches Moment bleiben, wenn esnicht sofort in das praktische Leben eingreift. Undhier ist der Weg klar vorgezeichnet und das Ziel einnicht schwer zu erreichendes.

Wir wollen, das Wappen nicht, wie bisher, nur imSiegel und auf dem Wagenschlag sehen, sondern essoll, wie früher, unserm Hausrath der höchsteSchmuck werden. Wir wünschen, dass es ein Mittelsei, uns die verlorene Gediegenheit der Umgebung wiederzu gewinnen. Was wir heutzutage an Möbeln besitzen,ist nicht danach angethan, das Gefühl der Pietät inuns zu erwecken, selbst wenn es von unsere Elternstammt. Es vermag nicht einmal die Mode eines Jahr-zehnts zu überdauern, während den Besten der älteren

1) An diesen scheint Jean Paul gedacht zu haben,als er in den Flegeljahren (No. 17) dem Grafen Klotharfolgende Worte in den Mund legte:

Ich bin der Meinung, dass jede, auch willkürlicheWissenschaft, dergleichen Theologie, Jurisprudenz,Wappenkunde und andere sind, eine ganz neue, aberfeste Seite an den Menschen oder der Menschheit nichtnur zeige, auch wirklich hervorbringe. Aber destobesser! Der Staat macht den Menschen nur einseitigund förmlich einförmig. . ."

Kunst nicht einmal der Stilwechsel der letzten Jahr-hunderte das Leben nehmen konnte. Wer aber an einemGeräth das Wappen der Familie anbringt, der wird vonselbst nach möglichster Gediegenheit streben. An einemDutzend-Möbel ist ein Wappen an und für sich lächer-lich. So könnte uns das Wappenwesen mitdazu verhelfen, dass wir unsere häuslicheUmgebung wieder achten und liebgewinnenlernen, dass wir uns ererbter und wiederzu vererbender Geräthe freuen."

Der Hamburger Correfpondent sagte 1882 sehrrichtig:

Durch das Wappen, welches einen Gegenstandschmückt, wird dieser zugleich in gewisser Hinsichtder Rechtssphäre des Einzelnen entrückt, ihm derStempel eines Familiengutes 1 ) aufgeprägt, wennnicht im juristischen, so doch im ethischen Sinne, einesGutes, durch welches ein inniger Zusammenhang dernachwachsenden mit den abgestorbenen Generationenauch äusserlioh gefestigt, die den Gewerben und Künstenheilsame Stetigkeit der Entwickelung gefördert wird."

Das Wappen erfüllt den Zweck einer moralischenInschrift, welche den Beschauer daran mahnt'), dasser den ererbten oder erwählten Schild unbefleckt seinenNachkommen übergeben muss. Eine vortreffliche An-regung giebt Hans Spekter:Besonders empfehlenswerterscheint mir, in heilsamer Selbstironie ein Symbol dereigenen Fehler und Schwächen sich als Wappenzeichenzu erwählen, zu beständigem Ansporn, durch sein Lebenund Thun das Wappen Lügen zu strafen und zu Ehrenzu bringen." Aus ähnlichen Erwägungen heraus sind(wie ich oben S. 580 dargelegt habe) schon im Mittel-alter zahlreiche Familien-Wappen entstanden.

Ein Vorteil des Wappenbrauches, den auch derflachste Utilitarier anerkennen wird, besteht darin, dassdas Wappen noch heute ein Eigenthumsrecht auf Werth-gegenstände begründet. Auf herrenlose Gegenstände,die mit dem bekannten Wappen einer Familie ver-sehen sind, haben die Vertreter derselben den nächstenAnspruch.

Berliner Blätter meldeten im J. 1884:Bei denBaggerungsarbeiten, welche an der Unterspree beim

2) Es ist daher unrichtig, solche Gegenstände znverschenken. Die Zeitungen brachten hiefür 1888 einenBeleg in folgender Meldung:Budapester Blätter machensich bei aller ihrer Bulgarenfreundlichkeit lustig darüber,dass von den verschiedentlichen Gaben der Mutter desPrinzen Ferdinand von Coburg, der Prinzessin Clemen-tine, welche dieselbe in Gestalt von Uhren, Ketten,Ringen, Diamantnadeln etc. bulgarischen Würdenträgerngespendet hat, eine nicht geringe Anzahl bereits wiederans Bnlgarien gewandert und in ein Budapester Leih-hans übergegangen Ist, welches bei den Bulgaren denRuf hat, höhere Darlehne zu gewähren, als die Leih-häuser von Bukarest und Konstantinopel. Die ver-pfändeten Werthgegen stände in dem Budapester Leih-hause bekunden durch Wappen oder Namenszug un-verkennbar ihre coburgisch-orleanistische Herkunft."

3) Der grosse schottische Romanschriftsteller WalterScott liebte es, die Helden seiner Erzählungen durchden Anblick eines Wappens in ihren EntSchliessungenbeeinflussen zu lassen. So heisst es in dem RomaneDie Braut von Lammermoor" 3. Capitel:Währender das Schreiben aufsetzte, genau die Worte abwägend'erblickte er aufwärtssehend das Wappen der Familie»für deren Spross er eben Fallstricke legte. Es war andem Tragstein der Deckenwölbung ausgehauen, zeigteeinen schwarzen Stierkopf mit dem Motto:Ich warteauf meine Zeit" und seine Entstehung bildete eine seKjsame Mahnung für den Gegenstand seiner Ueberlegnng-