Druckschrift 
Geschichte der Heraldik : Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft
Seite
732
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

732

Geschichte der Heraldik. V. 2.

nen Schwiegersohn, dem sie 1788 Franz Paul von Smit-mer, Domher in Wien abkaufte. Nach mancherleiSchicksalen gelangte die immer mehr erweiterte Samm-lung 1818 für den Preis von 3800 fi. in den Besitz desk. k. österr. geheimen Haus-, Hof- und Staatsarchiveszu Wien. Die Zahl der Stempel beträgt etwa 600;vom IX. Jahrh. bis in die neueste Zeit 1 ).

Der genannte Professor E. G. Rinck in Altdorfhatte sich ausserdem schon 1692 eineHeraldischeMünzsammlung" angelegt, aus kleineren Scheidemünzenbesteheud, blos um die Veränderung der Wappen daraufwahrzunehmen. Dieselbe erstreckte sich auf alle euro-päischen Reiche. Der Werth dieser Sammlung beliefsich 1735 auf etliche 100 Thaler und schaffte (wieKöhler bemerkt) sehr vielen Nutzen in der Wappen-kenn tniss 2).

Professor Gatterer begründete bei dem historischenInstitut zu Göttingen eine Siegeisammlungin der Ab-sicht, um künftig einen thesaurum insignium generalem,und die Bearbeitung eines grösseren Werkes über dieTheorie der Heraldik dadurch zu befördern."

Professor L. A. Gebhardi spricht 1786 in der Vor-rede zu v. Medings Nachrichten (I. Band) von denjetzt gewöhn liehe n Sammlungen neuer Petschafte".Auf Petschafte bezieht sich v. Meding in seinem Werkemehrfach, er scheint demnach eine solche Sammlungbesessen zu haben.

Siehenkees erzählt 1789:Wappensammlungen ....haben viele Privatpersonen, welche theils aus Abdrückenalter und neuer Wappensiegel, theils aus Abzeichnun-gen, Kupferstichen etc. bestehen. In Baiern hat manden Illuminaten es zum Verbrechen gemacht, dass manbey Durchsuchung ihrer Häuser Sammlungen von Pet-schaften fand."

Dieser Sammeleifer ergriff immer weitere Kreise,zuletzt sogar die Kinderwelt.

Ein im Jahre 1817 erschienenes Schriftchen sagt:

Es ist unläugbar, dass seit dreissig Jahren dieWappenkunde dermassen in Verfall gekommen, dassmancher Diplomatiker, Statistiker und Rechtsgelehrternicht einmal die Farben, viel weniger ein Wappen ge-hörig zu beurtheilen und auseinander zu setzen in Standeist. so oft diess auch in sein Geschäft einschlägt. Siescheintheut zu Tage vielmehr zu einem Spiel-werke junger Leute herabgesunken zu seyn,die sich Siegel-Abdrucke sammeln, unbekümmert um daswas sie bedeuten."

Dadurch wurde die Heraldik in den Augen der vor-nehmen Gelehrten nur um so verächtlicher.

Dr. H. Grote, heute der Nestor der Fachgenossenschrieb 1831 im Hannoverschen Magazin:

Die Heraldik, für Deutschland wenigstens seitEnde der Ahnentafeln ein ziemlich unpraktischer Zweigdes Wissens, wird dafür auch allgemeiner verach-tet, als sie es verdient. Wer sich unter Heraldik wei-ter nichts denkt, als eine unermessliche Nomenclaturvon Familien und Figuren, die man sich mit Hülfe derübrigens aus einem andern Grunde beliebten Sie-gelsammlungen ins Gedächtniss pfropft, der hatfreilich nicht ganz Unrecht. Allein abgesehendavon, dass.die historischen Untersuchungen über Ent-stehung und Veränderung der einzelnen Wappenbildereinen Haupttheil der Sphragistik, also der Diplomatik,deren Werth Niemand ablängnen wird, abgesehen da-

von, dass ihre Theorie durch eine ungemein reiche, ge-naue und bezeichnende Terminologie, und durch einsehr ausgeführtes systematisches Gebäude Manchenanziehen kann, dass sie der Sammlungsmanie, der esja immer nur um Befriedigung, gleichviel wodurch , zuthun ist, reiche Nahrung giebt: so zeigt sie sich be-sonders als eine sehr sinnreiche und belehrende, demGedächtniss zu Hülfe kommende, Versinnlichung derGeschichte, indem, besonders in den Wappen fürstlicherHäuser, in der Art und Weise, wie die einzelnen Wap-penbilderj, und in dem Umstände, was für einzelneWappenbilder in ein grösseres Wappen zusammenge-setzt sind, eine oft vollständige und geordnete bildlicheUebersicht der Geschlechts- und Besitzstandesgeschichteder Fürstenhäuser, beinahe des hauptsächlichsten Theilsder politischen Geschichte liegt. Für die Genealogieeines regierenden Hauses und die Territorialbildungs-geschichte eines Staates sind sie ungefähr das, wasLandcharten für die Geographie der letztern sind. Sowie der Geschichtschreiber die Geschichte durch Buch-stabenschrift darstellt, so der Heraldiker durch Bilder,

Begriffsbilder, Hieroglyphen.....Für jetzt wenigstens

bestätigt sich noch immer bei der Frage über das In-teresse, welches sie gewähren kann, das ars non habetosorem, nisi ignorantem, womit sich diejenigen tröstenkönnen, die der Vorwurf trifft, diese freilich brotloseKunst theilweise anziehend gefunden zu haben."

Wenn man indess bedenkt, dass die Schulweisheitauf dem Gebiete der Heraldik abgewirthschaftet hatteund die Wissenschaft zu fördern unfähig gewordenwar, dass Männer vom Schlage Grote's und Lede-bur's sich durch jeneVerachtung" nicht abschreckenHessen, jener von seinen scharfsinnigen Forschungenauf dem Gebiete der speciellen Wappengeschichte, die-ser von der Schöpfung der vergleichenden Heraldik,so wird mau sich über die Verachtung trösten, mitwelcher die bisherigen Pfleger der Heraldik, diesemihrem Lieblingskinde den Rücken wandten. Und ge-rade aus dem Kreise derjungen Leute", welche dieHeraldik zu einemSpielwerke" herabwürdigten ist derNachwuchs hervorgegangen, der die Heraldik wiederzu Ansehen brachte. Schon Ledebur') hatte 1856 dasWohlwollen für dieWappensammler", sie zu deneigentlichen Heraldikern von Fach" zu rechnen.

Weniger entgegenkommend, äusserte sich im J.1860 ein Herr L v. Alvensleben 1 ):

Keine andere Wissenschaft ist so vollkommen ab-

1) Auf Grund der Notizen des Ernst Edlen v.Franzenshuld, in den Mittheilungen der k. k. Central-comm. f. Baudenkmale X. S. VIII. ff.

2) Münzbelustigungen XVII. 222 f.

31 Derselbe schreibt im Vorwort zu Hesekiel's Com-pendium,die heraldische Wissenschaft hat neben einerverhältnissmä8sig kleinen Zahl von Kennern, welchedas gesammte Wappen- uud Heroldswesen theoretisch er-gründen und umfassen, eine nicht geringe Zahl vonBekennern, welche die angewandten Theile des Lehr-gebäudes praktisch bebauen; dahin sind die Wappen-sammler zu rechnen. Aber ausser diesen eigentlichenHeraldikern von Fach, giebt es eine bei weitem grössereZahl Solcher, die auf dem Gebiete der Kunst, der Li-teratur, des täglichen Lebens, in Bildern und Aus-drücken sich vielfach umgeben, berührt und angezogenfühlen von Gegenständen, worüber nur die Heraldiksie belehren kann."

4) Die Heraldik und ihre Quellen. Von L. von A1-vensleben. In: Die Wissenschaften im 19. (?) Jahr-hundert, ihr Standpunkt und die Resultate ihrer For-schungen. Band IV. Sondershausen 1860 Neuse (8 e )-S. 719- 732. Herr v. A. hatte weder von Grote nochvon Ledebur, weder von 0. T. v. Hefner noch vonMayerfels etwas gehört, obwohl die Hauptschriffen da-mals schon erschienen waren.