Geschichte der Heraldik. V. 2.
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Staatsdiensten in Aussicht genommen. Zwischen ver-schiedenen Ministerien fand ein Meinungs - Austauschstatt, der meines Wissens nicht zu dem von dem Mi-nister beabsichtigten Ziele führte. Indess ist die Ver-anlassung und die Entwicklung dieses Falles interes-sant genug, um eine Mittheilung zweier in Geh. Staats-archive befindlicher Schriftstücke gerechtfertigt erschei-nen zu lassen.
1) Schreiben des Ministers v. Altenstein an denGeh. Staats- und 'Cabinets-Minister Grafen v. Bernstorffd. d. Berlin 10. Juni 1819.
„Das Studium der Heraldik wird in Deutschland,namentlich in den Königlichen Staaten so vernachlässigt,dass ich es mir zur Pflicht mache, Mittel aufzusuchen,um diese für die Geschichte unentbehrliche Wissenschaftwieder zu beleben. 'Es zeigt sich dazu gerade einegute Gelegenheit, indem ein Mann, der gründlicheKenntnisse der Heraldik und dabei eine sehr bedeu-tende heraldische Sammlung von Wappen und Siegelnbesitzt, Se. Durchlaucht den Herrn Fürsten Staats-Kauz-ler sowohl, als auch mich, um Bereicherung derselbenmit Siegel-Abdrucken gebeten und dadurch zu weiterenVerhandlungen mit ihm Anlass gegeben hat. Es istder Dr. Emmrich, jetzt Königl. Bayerischer Appella-tionsgerichtsrath des Kezatkreises zu Ansbach. IchWerde gern seinen Wunsch durch Mittheilung von Sie-gel-Abdrucken zu erfüllen suchen, allein ich wünschezugleich zu versuchen diesen Mann, der einer von denWenigen gelehrten Historikern ist, welche sich dieHeraldik zu einem besondern Studio gemacht haben,für die Königl. Staaten zu gewinnen. Da es aber,Wenn er auch über Heraldik Vorlesungen bey der hie-sigen Universität halten würde, doch nicht möglich seynwird, ihn aus deren Fonds ganz zu entschädigen, umeine sorgenfreie Subsistenz ihm zu sichern, so stelle ichEw. Excellenz ganz ergebenst anheim, ob nicht ausden Fonds Ihres Ministerii, für welches die Anwesen-heit eines tüchtigen Heraldikers von großem Interesseseyn muss, dem etc. Emmrich auch ein jährlicher Ge-nalt ausgesetzt werden kann. Ich erbitte mir ganzergebenst Ew. Excellenz gefällige Erklärung, ob die-selben für die Beiziehung des Emmrich mitzuwirkengeneigt sind und welcher Beytrag zu seiner Besoldungaus dero Fonds allenfalls erfolgen konnte".
„Ich bemerke zugleich ganz ergebenst, dass ich desKönigl. Staats-Kanzlers Herrn Fürsten von HardenbergDurchlaucht wegen des allgemeinen Interesses, welches<He Beyziehung des etc. Emmrich für den Königl. Dienstund für die Wissenschaft hat, von meinen Plane, solchenfür unsern Staat zu gewinnen in Kenntniss gesetzthabe. Der Emmrich ist Sr. Durchlaucht aus frühernVerhältnissen vortheilhaft bekannt."
2) Antwort hierauf d. d. Berlin 20. Juni 1819.
„So sehr ich auch die Ansicht theile, welche dasgeehrte Schreiben Eurer Excellenz über den Werth derHeraldik, enthält und so sehr ich diese Wissenschaftbesonders in Beziehung auf Geschichte und Genealogieachte, und eben daher es wünschenswerth finde, dassder verdienstvolle Dr. Emmrich für den PreußischenStaat erworben werde, so muss ich doch bedauern, dassmh mich ausser Stande befinde, zu diesem Zweck durchEondg des mir anvertrauten Departements zu wirken.Seitdem von demselben die Haus-, Hoheits- und Lehens-Sachen getrennt sind, in denen die Anwendung heral-discher Kenntnisse zuweilen, wiewohl auch höchst sel-ten vorkam, stehen die Geschäfte meines Departementsfflit der Heraldik in einer so entfernten Beziehung, dassschon desshaib ein Aufwand dafür bedenklich seynWürde. Es wird es aber noch mehr durch die beträcht-lichen Bedürfnisse dieses Departements und durch meinBestreben, in alle Theile desselben so viel Ersparung
zu bringen, als mit der Würde und mit dem höheren In-teresse nur irgend vereinbar ist."
Zu dem von dem Geh.-Rath v. Raumer entworfenenConcepte machte der Minister folgenden Zusatz:
„Ueberdem habe ich das Glück in dem VV. G. I. R.Raumer einen auch in der Heraldik sehr kundigen Mannzur Seite zu haben." —
Hervorragende Werke wurden aus Staatsmittelnunterstützt. Auf Bernd's Schriftenkunde (1830) unter-zeichnete das Königl. Preuß. Cultusministerium 50Exemplare, ausserdem Prinz Heinrich von Preußen 6Ex., der Kronprinz Friedrich Wilhelm, die PrinzenWilhelm, Albrecht, und Friedrich je 1 Ex., der Königder Niederlande 10, der Kurprinz von Hessen 12 Ex.
Die Siegelsammler.
Entschieden vernachlässigt, ja sogar verachtet wirddie Heraldik nunmehr von den Gelehrten, den Standes-genossen der Leute, die für die geistige Armuth derLehre recht eigentlich verantwortlich sind'). Die Ar-muth verwandelt sich aber jetzt in Armseligkeit. DieSchriftsteller arbeiten — mit einigen wenigen Ausnah-men — nicht mehr, um die Wissenschaft zu fördern.Das bescheidene Bedürfniss der Sammlerwird maßgebend für die literarische Pro-duetion!
Noch im Anfange des 18. Jahrhunderts wurde dasSammeln von Siegeln hauptsächlich von Gelehrten be-trieben, die sich auf diesem Wege den erforderlichenApparat für ihre Arbeiten schaffen wollten 2 ). Das lei-denschaftliche Sammeln, welches Selbstzweck ist,kommt nur vereinzelt vor.
Graf Sertorio Ursato, ein Paduaner, Ritter von St.Marcus, erscheint als erster Sammler von Siegeltyparien.Nach seinem Tode 1678 gelangte seine noch kleineSammlung in den Besitz des belgischen Consuls Strickerzu Venedig, dann in die des Nürnberger KaufmannsGeisel (um 1730), von welchem sie Professor EuohariusGottlieb Rinck in Altdorf erkaufte. Dieser hinterliesssie seiner Tochter, welche den kursächs. Hof- und Justiz-rath Glafey heirathete. Derselbe vererbte sie auf sei-
1) BenicJcen schreibt 1829 in dem Artikel Heral-dik bei Ersch u Gruber:
„Mit Gatterer schloss das Fortschreiten der Wis-senschaft; die Zeit trägt den größten Theil der Schulddaran; sie vernichtete in den Stürmen der RevolutionFrankreichs das Feudalwesen, und verlieh dem BürgerHelm- und Schild vielleicht mit größerem Recht als das10—12te Jahrh. dem Adel. Auch nahm seitdem dieGegenwart jede Geisteskraft zu sehr in Anspruch, alsdass noch Lust und Muße geblieben wärezum Sichten und Sondern der unheilbar zer-trennten Wappenbilder aus eiuer fernen und niewiederkehrenden Epoche. Was — als mit der Restau-rationszeit die Restaurationssucht sich wieder zeigte —Einzelne versucht haben (z. B. Lipowsky 1816) hat dieWissenschaft nicht gefördert. Ueberall wird es schwersein, ihr aufzuhelfen; denn abgesehen von dem natür-lichen Mangel an Interesse, ist sie, vorzüglich in Bezugauf ihre Literatur, in Teutschland sehr vernachlässigt."
2) Daher kommt es, dass die meisten älteren Samm-ler, dem Bespiele der Gelehrten folgend, ihre Samm-lungen nicht nach den Namen, sondern nach den Bil-dern ordneten. Bernd bemerkt (1830) von einer Siegel-sammlung der Universität Bonn dieselbe sei „nach dergewöhnlichen Art, nämlich nach dem Inhalte derWappen geordnet, also nach Heroldsfiguren, Engeln,Menschen, Vögeln" etc.