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Geschichte der Heraldik : Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft
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Geschichte der Heraldik. IV. 5.

Unsere Deutschen braucheu heut zu Tage in der Schild-Form die meiste Freyheit, indem sie dieselbe bald hin,bald da ausschnitzen, so aber mehr in der Phantaseyder Schnitzer und Mahler als einigen Regeln der Kunstbestehet, wiewohl es doch meistenteils auf ein ausge-schweifftes und abgerundetes Viereck hinaus lanfft."

Rudolphi dagegen ist von der Berechtigung desSystems vollkommen überzeugt:Was deu heutigenGebrauch der Schilde anlangt, so pflegen wir Teutscheentweder die alten außgeschnittenen zu führen oder denFranzosen die ihrige zu borgen, welche an beedenSeiten außgerundet, mit einer Spitze sich enden; dieSpanier machen ihre Schilde unten rund, die Italiänerablang rund, die Engelländer ahmen den Franzosennach etc. Welchen Unterscheid Feschius von den Wappensolcher Reiche entstanden zu sein glaubet, indem deßH. R. Reichs gedoppelter Adler, sich zu keinem Schildbesser, als im dem ausgeschnittenen schicke, gleichwiezu denen Französischen drey Lilien die am End ge-spitzte, und zu den Castilianischen die unten rundeSchilde am tauglichsten wären."

Estor berichtigt oder vereinfacht nur die Form desSchildes:die Schilde sind Teutscher art, das ist aufbeiden Seiten in der Mitte ausgeschnitten und untenzugespitzt. Diejenige gattung, so Meuestrier denTeutschen im abrege methodique des principes heraldi-que s, 15 beileget, ist viel zu gekünstelt, davon dasalterthum nichts weiß. Ich mich aber in wapen-sacheufürnämlich darnach achte, soviel es thunlich."

Gegen diezu gekünstelte" Form sprechen sichdemnächst auch andere Autoreu aus:

Cleophus JI. 0. Krüger sagt 1753:Man mus sichwundern, wie (der Schild) hie und da auf so ver-scbidene Art formiret wird. Einige holen ihn auf beidenSeiten etwas aus. Andere geben ihm eine Aehnlichkeitmit den heutigen Panzern und Küraasen. Ja anderemachen gar allerlei Laubwerk und Gekräusele auf demRande herum. Dieses rühret gemeiniglich aus derUnwissenheit und Phantasie der Maler, Bildhauer, Kupfer-und Petschierstecher her, welche von dem Wapenwesennichts verstehen und sich einbilden, es Hesse nicht fein,wenn sie den Rand des Schildes nur so schlechthinmachten, und nicht allerlei Ausschweifungen und bunteZirate dabei anbrächten .... die Alten aber wüstennichts von solchen Künsteleien sondern machte ihreSchilder nur ganz schlecht und einfältig weg. Unddiese äusserliche Gestalt macht den Wert eines Schildesgar nicht geringe, sondern verständige halten sie umso viel höher, weil sie von einem ehrwürdigen Alter-thum zeuget."

Gatterer schreibt (1791) in seiner prakt. Her. S. 11Bey Aneuproben in deutschen Reich dringt man sehrdarauf, dass die Ränder des Schilds Ausschnitte undKrümmungen haben sollen. Mau hält dieses für einealte, wohlhergebrachte deutsche Manier; es ist abereigentlich zu reden, nichts anders, als ein abscheuliches,oft auch der Deutlichkeit nachtheiliges, neugothischesSchnitzwerk, das man abschaffen sollte."

Die Schilde stehen jetzt ganz gerade auf der Spitze.Estor ') meint:denn sonst würdeich ausgelacht,wenn ich mit gelehnten Schilden izt aufgezogen kommenwolte, ungeachtet sie vor etwa 800 jähren fast durch-gängig gebräuchlich waren, wie die Siegel.....satt-sam veroffenbaren."

Diese köstlichen Resultate wissenschaftlicher For-schung wurden von deu Kanzleien alsbald in die Praxisübertragen, indem sie in den Diplomen Vorschriftenüber die Form, ja sogar über die Stellung der Schildemachten, um doch ja der Wappenkunst den letzten Restfreier Bewegung zu rauben; z. B.:

Adelsdiplom des Königs Friedrich II. von Preussenfür den Stabs-Capitän Johann Gottlieb Arnold d. d. Ber-lin 14. Septbr. 1740:nehmlich einen oben abgeecktenunten spitzig zu laufenden Schild."

Adelsdiplom des Königs Friedrich Wilhelm IL vonPreussen d. d. Berlin 29. Novbr. 1786 für den Husaren-Rittmeister Otto Albrecht Friedrich Müller:eindeutscher, auf den Seiten ausgebogener und untenin der Mitte des Fusses spitz zulaufender Schild."

Erbländisches Freiherrndiplom der Kaiserin MariaTheresia d. d. Wien 20. März 1764 für Johann Franzvon Goltz:einen etwas ablangen unten rund in eineSpitze zusammen laufenden . . . Schild."

Erbländisches Freiherrndiplom der Kaiserin MariaTheresia d. d. Wien 5. Juni 1779 für Johann Belli vonBellenau:nemlich einen au fr echtstehen den vier-getheilten Schild ..."

Von Bedeutung für das Wappenwesen hätte eswerden köunen wenn jener Vorschlag (1755) des Frei-herrn Christ. Otto von Schiinaich , den Gebrauch derSchilde im modernen Heerwesen wieder ein-zuführen, bei den Kriegsherren Anklang gefundenhätte, während ihm lediglich ein ehrenvolles Begräbnissin einer gelehrten Zeitschrift 2 ) zu Theil wurde. Herr v.Schönaich sagt u. A.:

Es müsste eine Strafe wie bey den Alten daraufgesetzet werden, wer seinen Schild verlöre. Ein solchesKriegsheer würde einem Eürsten mehr Ehre machen,als Kirmesreiter und bebänderte Fusstrabanten DU*ihren vergoldeten Mützchen und Röckchen."

Die Schildhalter.

Bei einer Reihe namentlich fürstlicher Familienhatte sich der Gebraucli bestimmter Schildhalter durchmehrere Generationen vererbt und war damit ständiggeworden 1 ). Immerhin war die Sachlage noch Endedes 17. Jahrhunderts so, dass Rudolphi sagen konnte,die Schildhalter würden nicht nur öfters wegen einerzufälligen Ursache angenommen , sondern auch eben soverändert.

Bussing meint:Sonderlich haben die Reichs- undund andere Städte, weil ihre Wapen fast durchgehendsnicht weitläuffig oder prächtig, ihnen dadurch vor andernein Ansehen machen wollen, dass sie praesentable Schild-halter darneben gestellet."

1) Anenprobe S. 474.

2) Hrn. Christ, üttens, Bar. v. Schönaich Lieute-nants unter den Kürassirem, königl. deutschen Gesell-schaft zu- Königsberg und Goettingen Ehrengliedes undund kais. gekrönten Poeten, Versuch über den Ge-braucli der Schilde.

In: Sammlung einiger ausgesuchten Stücke der Ge-sellschaft der freyen Künste in Leipzig II. Thl. Leipzig1755. S. 223 ff.

3)Die schildhaltenden Engel des heutigen fürst-lich Lippe'schen Wappens sind erst neueren Ursprungesund kommen zuerst in einem Siegel der Gräfin AmalieGemahlin des Grafen Simon Henrich vom J. 1687 vor,während der Gemahl im J. 1666 noch zwei Löwen alsSchildhalter führte. Die Gräfin Amalie eine geb. Gräfinvon Dohna, hatte wohl die Engel aus dem Wappen ihrerFamilie mit herübergenommen. Sie brachte übrigenszugleich die Wappen der ihr im J. 1686 zugefallenenbeiden niederländischen Herrschaften Vianden undAmeiden in das des lippischen Hauses, welche in dem-selben geblieben sind, obwohl bereits Graf Simon Hen-rich Adolf, im J. 1725 jene Besitzungen jedoch unterVorbehalt der Fortführung des Titels und Wappens der-selben, an den Grafen von Hompesch als Mandatar derRepublik Holland verkaufte." Preuss u. Falkmann,Lippische Regesten Bd. IL S. 207. No. 922. Not.