Geschichte der Heraldik. IV. 4.
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erster Linie, welche sich des Stoffes bemächtigen; undvon da an datiren alle die zahlreichen Versuche, dieWappenlehre nach den Grundsätzen der wissenschaft-lichen Methode zu bearbeiten, ihr das „mathematischeMode-Kleidchen" umzuhängen.
Gas par Gott schiin g (1706) will „alle Einteilun-gen und Figuren des Schildes Methodo Mathematica voneiner eintzigen Linie" herführen und zeigen „wieimmer aus denen Simplicibus die Composita und alsovon einer Linie die andern alle herkommen."
Einen sehr achtbaren Erfolg hat auf dem Wegeder wissenschaftlichen Methode Professor MartinSchmeizel errungen. Seinem Vorsatze die Wappen-Lehre so viel möglich scientifice vorzutragen ist ergetreulich nachgekommen. Er führt zwar die „bcnul-Sprüchlein" (entia praeter necessitatem non sunt muin-PUcanda oder accidens est, quod adesse et abesse potest«wie detrimento substantiae) in einem etwas spöttischenTone an, hat sieh aber dieselben doch zur Richtschnurdienen lassen.
J. A. StiehVs Versuch einer wissenschaftlichen Wa-Penkunde, - worin unter dem Vorwande, diese Bucherseien selten geworden, aus drei Compendien (Trier,Schmeizel, Zschakwitz) ein neues gemacht ist, ohnedass jedoch der Verfasser „allen Beichthum" seiner«Hauptquellen" anbringen will, wird 1757 mit folgendenBosaunenstössen i angekündigt:
„Allein das philosophische Jahrhundert darinn wirleben, bringt es nun einmal mit sich, daß sich derGeist der Ordnung allmählig in alle Disciplinen aus-breitet ; daß man Deutlichkeit und Gründlichkeit auchda einzuführen suchet, wo es bisher so finster wie imChaos, und so verwirrt, als in einem Labyrinthe aus-gesehen. Dieser löblichen Absicht gemäß hat nun aucnder Herr Prorector Stiehl sich die Mühe nicht daurenlassen, die philosophische Fackel in den Bezirk derWapenkunst zu tragen, und ihre durch einander gewor-den Schilder und Fahnen, Hörner, Straussfedein, Balkenund Sparren, Gabel- Zinn- und Kreuzschnitte, Bautenund Schachspiele, und was des buntscheckigen Vorrathsmehr ist, in einige Ordnung zu stellen."
Stiehl selbst sagt: „Die Wappenkunde ist meinesWissens, noch nicht in der eigentlichen Gestalt einerWissenschaft erschienen. Eine Wissenschaft hebetzwar richtige, aber so viel möglich kurze, niedlicheund doch vollständige Erklärungen, an welchen manim Verfolge stäts und genau klebe und selbigen nichtszuwider laufen lasse. Und dieser Weg ist mir in derHeraldik noch nirgends vorgekommen. - Die Haupt-hindernisse (sind) das viele historische welches vondiese Lehre unzertrennlich ist; hernach die Seltenheitderer, welche auf hohen Schulen nach derselben eineBegierde äussern" (!)
Dem vereinten Bestreben der Herren «Mathema-tiker« gelang es denn auch redlich, die Wappenwissen-schaft Ion ihren Quellen und von ihren Beziehungen«um öffentlichen Leben abzuschneiden D f ausser «Gestalt der „Wissenschaft" wird den hohen Ansprüchenjener Zeit immer entsprechender, aber der Gehalt ver-sandet und versteinert. Der Kern der Wissenschaftutdie Kunstsprache und diese hinwiederum beschäftigtsich fast ausschliesslich mit dem AnraiMn und Be-nennen der Heroldsbilder. Kein Wunder ist es dabdiese Wissenschaft, sowohl bei ihren Bekennern, wiebei den Schülern eine Empfindung des Ungenugens er
regt und dass ihr vielfach die Bedeutung als Wissen-schaft abgesprochen wird.
Auf die Ursachen dieser Erscheinung weist CarlFriedrieh Dingelstedt'*) (1735) in folgender Bemerkungtreffend hin:
„Diejenigen treten der lieben Heraldique viel zunahe und stecken gewiss in einem Übeln Vorurtheil, soda meynen, .dieselbe sey nicht würdig in dem grossenReiche der Gelehrsamkeit Zunfftmeßig gehalten zuwerden. . . Jedoch muß (ein Historicus) nicht etwaan den Schalen derselben bekleben bleiben, und nurallein ohngefähr die Kunst-Worterchens und Tincturenin denen Kupferstichen zu nennen wissen."
Zschackwitz sagt: „. . . Wenn eine Sache oderWissenschafft ist, die man mit einer fast entsetzlichenMenge allerley wunderlichen und mit dem wahrenWapen-Wesen gantz nicht übereinkommenden Worteverdunkelt, benebelt und schwer gemachet, so ist es inder That die edle Heraldica, in der man alles weitkürtzer, deutlicher und verständlicher geben könnte,als so nicht geschieht. An diesem Uebel aber ist nie-mand Schuld, als die Frantzosen Denn als selbige dasWapen-Wesen in eine formam artis zu bringen anfin-gen , gleichwohl in denen Alterthümern der Völckersehr grosse Gäste und Fremdlinge waren; So haben sieum ihre in dieser Sache gemachten wercklicbenBegriffe, ihren Gedanken nach, auszudrücken, allerleyund gewiß offt lächerliche, Terminos und Worte erdacht,damit sie vermeinten dem Wapen-Wesen eine rechteGestalt zu geben. Ihnen haben es nachher andereVölker, und sonderlich die deutschen, also nachge-betet . . .
„Iinroittelst klagen immer verschiedene Heraldici,es wäre diese edle Wissenschafft noch nicht behörigausgearbeitet und in eine rechte formam artis gebracht,doch verstehen sie dieses von ihren Lastwägen vollReguln und ersonnener Kunst-Wörter, so widersprechensie sich hier selber, indem je sattsam bekannt ....daß kein disciplin mit mehrern Terminis und Regelnüberschwemmet sey, als eben die Heraldica: also kanja allhier keine Uuvollkommenheit stecken."
Diese Opposition gegen die „terminos", an der sichauch andere Gelehrte z. B. JSstor betheiligten, wirduns verständlich, wenn wir das Folgende erwägen.
Mit der Ausbildung der Kunstsprache, die inDeutschland doch etwas sehr Neues war und hinterSpener nicht zurückzudatiren ist, entstand der sonder-bare Irrthum, dass die Knnstausdrücke die Natureines Gegenstandes und nicht blos das Aussehendesselben bezeichnen. Daher sagt Zschackwitz-.
„. . . Die befremdliche Auslegung der Wapen-Bilder als auch die darbei erdachten Kunstwörter (sindsehr weit von der Sache selber erntfernet, einfolglichnicht wenige von solchen vermeinten Kunst-Wörternzu dem wahren Wesen der Wapen sich eben so schicken,als wie eine Faust auf ein Auge."
Wir sehen denn auch den Grundsatz, dass derKunstausdruck eine Auslegung der Figur enthalte,überall in Anwendung. So hat die lediglich conven-tionelle und ganz moderne Unterscheidung, welchedie Kunstsprache zwischen Löwen und Leoparden, jazwischen leopardirten Löwen und gelöwten Leoparden
1) Das Neueste aus der anmuthigen Gelehrsamkeit.Leipzg. Bey Bernhard Christoph Breitkopf 1757S. 506 ff.: Recension über J. A. Stiehl's Versuch einerwissensc h aftlichen Wapenkunde.
2) Carol. Frieder. Dingeisted ts, Subseniorisund Canonici des Stiffts B. Mariae Virg. uud St. Pan-cratii m Walbeck sehr wahrscheinliche Ausführung,daß das Wapen derer Grafen zu Walbeck eine Roseund diese derer Grafen zu Schaumburg ihr eigentlichesihr eigentliches Stamm-Wapen gewesen sey. In: Joh.Phil. Kuchenbecker, Analacta Hassiaca Coli. IX. (Mar-burg 1735) S. 1 ff.