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Geschichte der Heraldik. IV. 1.
8. C a p i t e 1.
Die mystische Wappenauslegung.
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Jost Amman's Wappenbuch.
An die Spitze dieses Capitels muss ich eine grosseFrage stellen: hat in der classischen Zeit des Wappen-wesens ein Rangunterschied bestanden zwischen denverschiedenen Gruppen von Wappenbildern, die der Na-tur oder dem gemeinen Leben entnommen sind?
Die Frage kann nicht geradezu verneint werden.
Der Maßstab für den Werth oder das Ansehen derBilder lag in der symbolischen Bedeutung derselben.Es ist augenscheinlich, dass Wappenbilder wie der Löwe,der Adler angesehener, oder wenn man so lieber will:anspruchsvoller waren, als Gegenstände der Haus-wirthschaft wie z. B. eine Leiter, ein Wasser-Eimer,eine Säge.
Einen Beleg giebt uns die Wilkina-Sage im 297.Capitel, wo von der Königin Erka erzählt wird: „Undals sie ihre Helme gebunden hatten, da Hess sie ihnenzween Schilde bringen; deren jedwedes war dick undmit rother Farbe bemalt, und darinn von Gold ein Ban-ner mit der Stange gebildet: dass sie aber zu ihremWappen kein Thier oder Vogel hatten, kam daher, weilsie noch nicht so alt waren, dass sie wären zum Bittergeschlagen worden."
Ein weiterer Beleg ist uns schon früher (S. 317)in einem anderen Zusammenhange begegnet. In demWappenbriefe des Römischen Königs Albrecht für dasBisthum Gurk vom J. 1305 wird ein Thurm gegenübereinem Löwen in Verbindung mit einem Heroldsbild alsein signum armaturae minus notabile bezeichnet.
Diesen Indicien steht jedoch die überwältigendeThatsaehe gegenüber, dass trotz dieser verschiedenenWerthbemessuug die unscheinbarsten Gegenstände derHauswirthschaft in unbemessener Zahl als Wappenbil-der vornehmer Familien vorkommen, ohne dass einäusserer oder innerer Zwang für die Wahl derselbenvorhanden war.
Diese Thatsaehe erklärt sich zum Theil durch dieLiebhaberei für redende Wappen, sodann aber auchdurch die Verschiedenheit der individuellen Geschmacks-richtung, die auf dem Boden des Wappenwesens viel-leicht noch mehr wie auf anderen Gebieten ihr Bechtgeltend machte.
Und liegt nicht in der Wahl solcher bescheidenenWappenbilder erst recht ein Ausdruck stolzer Sin-nesart ?
Das allerdings konnte ein Ritter, der sich daraufgesteift hatte, solche bescheidene Sinnbilder zu Ehrenbringen, nicht voraussehen, dass eine spätere Zeit, jadass ihre eigenen Urenkel dieselben als ein Zeichenniedrigen Geschlechts-Ursprunges oder als einen Hin-weis auf Thaten, die der Familie nicht zur Ehre ge-reichen, ansehen würden.
Den Beginn dieser neuen Richtung haben wir schonoben in den Ausführungen des Johannes Eothe wahr-
nehmen können und wir sehen sie jetzt, da die Quellenreicher fliessen, vollständig zum Durchbrach gelangen:die Heraldik des 16. und 17. Jahrhunderts erkennt be-dingungslos an, dass zwischen den Wappenbildern einRangunterschied bestehe sie fordert eine Beobachtungdieses Rangunterschiedes bei der Wahl der Wappen.
Nun ist uns auch der Eifer erklärlich mit dem PaulWinkler (im Edelmann 1676) gegen die Wahl unange-messener Wappenbilder spricht:
„Cambdenus erzehlet in seiner Beschreibung Engel-landes, dass vor Zeiten in selbigem Königreiche . . •ein vornehmer Orden der Bade-Ritter gewesen, die manmit sehr grossen Ceremonien darzu eingeweihet, undunter selbigen auch diesen Gebrauch gehabt, dass wennsie nun das Schwerdt und die Sporen vom Altar erho-hen und angegurtet, sich des Königes Koch vor ihnenmit einem grossen Messer vorgestellet und sie bedrauethabe, dass daferne sie solche Ritters-Zeichen unwürdigführen würden, er ihnen selbige mit diesem grossenMesser wieder abschneiden wolte.
„Sollten heut zu Tage denen Kayser- und König-lichen Köchen solche Verwaltungen ernstlich obliegen,so würden sie gewiss mehr unwürdige Ritter-Zierraten,als Kälber abzustechen haben, und sollte es gleich nurbiss an die ausgesonnene närrische Wappen und Adel-Praedicata kommen, als die nun so hoch gestiegen, dasssie fast auf Erden nicht mehr Platz finden, sondernnachdem nunmehro Flüsse, Felsen, Steine, Berge, Thä-ler, Felder, Auen, Löwen, Beeren. Wölffe, Vögel, Wür-mer zu solchen Schild-Trägern worden, sich auch gegenHimmel nach den Sternen. Sonn und Monden machen,so dass ein Holländer nicht übel von dieser Sachen ge-urtheilt: Man hätte vor diesem die Länder und Feldervon den Leuten genennet, und eines Georgen Land, dasander Wilhelms-Feld, Claussens-Busch und so fort be-nennet, da hingegen kehre man alles um, so dass baldheissen müsse, der Herr von Hohenland, Donnerbusch,Blitzenberg und was der Narrheit mehr, mit der dennauch die in die adelichen Schilde so hoch vernünfftigeigen ausgesonnene Ritter-Zeichen, sehr wol übereinkomme und darbey sonderlich die armen Türeken sichvon solchen Leuten ihrer Waffen müssen berauben las-sen , die zwar kaum einen von ihnen auch nur imKupfer gesehen und doch gleichwol, bald einen Bassaseinen Arm, mit samt dem öäbel abgerissen, bald einemandern den Bogen mit Pfeilen ausgewunden, einem an-dern die Lantze entzwey gebrochen, dem Gross-Vezierseinen kostbaren Turband mit den zweyen Quasten ge-raubet, ja wol dem Türckischen Kayser selber ein undandere Vestung abgenommen, und was das allerlächer-lichste, sie mit allen Thürnen, Mauren und Bollwerckenin das neue ritterliche Wappen einverleibt und nochdarzu ihnen zum Schimpffe, die darbey im Traum über-kommene Fahnen mit ihren halben Monden (es wäredenn, dass auch bey etlichen solche Kastelle, die Vest-ung Tockai, aus Erinnerung, dass man manches schö-nes Glas selbigen Weins zu des Vatterlandes Dienstengesoffen, bedeuten sollen) zu den Fenstern hinaus ge-stecket haben "
Nach den Erfahrungen, die wir über das Zurück-datiren culturgeschichtlicher Erscheinungen bereits ge.macht haben, kann es uns nicht in Verwunderung setzen,wenn wir sehen wie eine Forderung der neueren Zeitzu einem Maßstabe der Beurtheilung für die Vergan-genheit gemacht wird. Es ist nunmehr ein unbestrit-tener wissenschaftlichener Glaubenssatz, dass mit derWahl aller einzelnen Wappenbilder besondere Begeben-heiten in Zusammenhang stehen, dass das Wappen einVotivbild sei und dass die Wappensymbolik ein Mittelzur Enthüllung historischer Ereignisse darbiete.