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Geschichte der Heraldik. IV. 1.
wesens bemächtigen, zu genügen. Der Kern der Lehrewar die Kunstsprache und gerade dieser vermochte derdeutsche Gelehrte niemals Geschmack abzugewinnen.Die Zeit verlangte etwas ganz Anderes. Man wollteUnterricht haben über den Ursprung und das Wesendar Wappen, — die Herolde wussten darüber selbstnichts. So wurden die Traditionen der Heroldszunftin Deutschland unterbrochen, die Herolde des 16. Jahr-hunderts haben sich der Zeit angepasst und verfahrenin Bezug auf die Kunstsprache noch liederlicher, alsdie nichtzünftigen Schriftsteller der Heraldik.
Johann liüxner , dieser einzige Vielschreiber unterden Herolden, verfügt über eine erstaunlich geringeZahl von heraldischen Kunstwörtern, von denen seinTurnierbuch (zuerst 1536 erschienen) eine Uebersichtgiebt. Ich führe hier nur an, wie viele verschiedeneBilder er als Strich bezeichnet:Strich ss Pfahl z B. „Frau we nberg, ein weissen
strich nach der leng herab im roten Schilt."Strich = Qnertheilung: „Redwitz, der öberst strichweiss, der ander blauw, also hindurch weiss vndblauw vertheilt, mitten dardurch über die eckauss ein roter bach."Strich = Schildeshaupt: „Statt Costentz. ein schwartzCreutz in weissem feld, der strich oben über demCreutz rot."Strich, schmaler = Querleiste: „Scharffenstein,
zwen weisser schmaler strich in grünem feld."Strich nennt er auch die sog. „Kleestängel" auf denFlügeln der Adler: „Brandenburger Wapen, einroter Adler mit gelbem Schnabel füssen und strichdurch die flügel, in weissem felde."Strich ss Spickel: „Haller, ein weisser strich gleicheim stroleisen der Schilt vnden rot, oben imspickel schwartz." (Stroleisen von Stral, Pfeil),Es erhält sich aber noch lange eine dunkle Erinner-ung, dass die alten Herolde im Besitze einer, nun ver-lorenen Geheimlehre gewesen seien Wie sich das Kindnach einem verloreneu Spielzeug sehnt, so werthlos esauch gewesen sein mag, so sehnte sich das „curieuse"Deutschland nach jener verschollenen Lehre. So schreibtMarcus Wagner i) im Jahre 1581.
„Die Römische Keyserliche Maiestet hat auch wei-ter einen jeglichen von solcher Ritterschafft mit son-derlichem Helm vnd Schilde begnadet, vnd gleich alsmit einem gülden Kleinut vnd vmbleuchtenden Schma-ragd alhie auff dieser Erden geschmücket, zur beweis-ung vnd anzeigung seines Standes, als welchen Er vonRittermessigen Thaten erlanget, vnd damit Er vnd seineErben den ferner erhalten solten.
„Auff solche Helm vnd Schilde hernach grosseachtung gegeben worden. Denn man daraus erkennenmügen, ob eins Adelstand aus Manheit, vnd umb ehr-licher Thaten willen seinen Vrsprung gehabt, odersonsten was straffbar daran gewesen, wie hieuon büchergeschrieben, vnd vorzeiten die Ehrnholden vndThurnir vogte, sonderliche Regeln vnd nach-richtung gewust, vnd sonderliche anszüge man nochin den alten Bibliothecis findet, derer viel in den Clö-stern vnd Stifften seind durch vnachtsamkeit
1) „Von des Adels ankunfft oder Spiegel, samptzweien Ritterlichen, Adelichen Geschlechten, als zurTugend anreitzung vnd Manlichen Heroischen Thatennachforschung, kurtzer auszug aus vielen Antiqniteten,Chronicis, vnd monumentis in Bibliothecis Europae.Durch Marcum Wagnerum Frimariensem, Theologum etHistoricum alter Monumentorum besondern liebhabern.Mit einer Vorrede Herrn Sigfridi Sacci, der heiligenSchnfft Doctoris, vnd Thumbpredigers zu Magdeburg.Gedruckt zu Magdeburg, im Jahr M. D. L. xxxj." (40.).
Staub, Motten vnd Rost erbermlich vmb-kommen, derer fractur man auch (das zu erb ar-men) in antiquissimis monumentis noch etliche vestigiavnd gewisse reliquias findet, daruon ich einem wol vielsagen könte, aber zur sache."
Johann Wolfg. Eenlsch schreibt 1682 *):
„Obgleich die Wappen bei allen Hohen, auch sogarbei Adelichen Personen, als Zeichen ihrer Ge-schlechter gebrauchet werden, hat man doch einegeraume Zeit nicht sonderlichen Fleiss auf derselbenErkaudnuß und Unterschied in Teutschland gewendet;eigendlich gehöret auch solche Sorgfalt denen He-rolden zu, deren Gebrauch aber, nachdem die Turnier-Spiele abgeschaffet worden, sich fast verloren und mitIhnen die Wappen-Erkandnuß. Denen Franzosen mussman in diesem Stück den Vorzug gönnen, welche inBeurtheil- und Auszierung der Wappen-Kunst mehrern,und fast zuviel Fleiss erweisen, massen selbige aufdie Wappen-Zier mehr, als nützlich ist, wendenund die allzu grose Spitzfindigkeit fast zum Aber-glauben dienen lassen."
Noch in unserem Jahrhundert (1824) klagte Masch 3 )-
„Von diesen Grundsätzen aber, nach denen sie beider Entwertung oder Beurtheilung der Wappen ver-führen, ist uns nichts, auch gar nichts übrig geblieben-Es ist auch nicht einmal möglich, sie aus ihrer An-wendung zu errathen, weil die Begebenheiten, oder dieRücksichten, nach denen sie angewendet wurden , unddie doch nothwendig persönlich sein mussten, auf immerfür uns verloren sind."
In dem Punkte hatte Bentsch vollkommen recht,dass sich in Frankreich die Heroldslehre länger erhaltenhat, als in den Ländern deutscher Zunge. Auf diePraxis der burgundischen und französischen Heroldebezieht sich denn auch das verdammende Urtheil, wel-ches Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim in sei-ner Schrift de incertitudine et vanitate scientiarum fällt.auf das ich weiter unten noch zurückkommen werde.
Aus Burgund, dem gelobten Lande der Herolde,war jener Herr von Vrancolin. der um 1560 am WienerHof als wohlbestallter Herold auftaucht. Vielleichtwollte man auf diese Weise die alte Heroldswissenschaftin Deutschland zum Wieder-Aufleben bringen Indesswar die Wissenschaft, welche Vrancolin mit sich brachte,doch wohl nicht das, was man in Deutschland erwarteteund verlangte. Er gab bald nach 1564 ein Wappen-büchlein heraus, dem er folgende Quintessenz der He'roldskunst voranschickt:
„Derrer ift aud; jumertfen fürs <£rft, bas inn atnentYcgflidjen Sdjilbt fainmal (Solb rmnb Silber, mellidjes W*3way JTtetall feinb, mügen nodj foüen neben ainanberDil weniger aius auff anber gefetjt werben, aussg«'nommen in bem IDappen tmb Sdjilbt »on 3^ ru f a ^ cm 'wie b.ieb.er 3ufet)en, weldjes aufj gewtffen rechte«nub billicbett orfadjen befebidft, bie id; auff bifjuicu 5au§3ufüren bjemit rmbcrlaffen will. f
„Jür bas anber ifi 3umercfeti, bas in ainem Y c 9 f 'lieben Scbilbt nimmermer ^arb auf färb, ober färb nebenainanber folle gemalt ober gefetjt werben, fonft tourbetfolcfye Ditb berglctdjenlDappen burd; bieKuii''gen pott Quappen ober (Ernfjolbt für falfcb prttt'onreebt erfenbt, auch in faiuen ECumicr ang e 'nommen, ober 3ugelaffen werben, was bie ^£ n ''gebornen ober Hewbadjen €belleut fo entroeberbureb gunft allain, ober nur nmbs gelt jren 21bejbefominen, tjats in bem fabj nit not, onb ift toPnigbarangelegen. , ,
„§utn brüten, ift aud) 3iimercfen, bas fain VmW
2) Brandenburgischer Ceder-Hein S. 194 ff.
3) Preuss. Adelsarchiv 1824 S. 43.