Geschichte der Heraldik. III. 8.
12. Capitel.
Die Happen In der Volkssprache undder Literatur.
min sang svle des winters wapen tragen.Hartmann v. d. Aue.
a. Sprüchwörter und Redensarten.
Die Volkssprache hat eine Reihe von bildlichenRedensarten und Sprüchwörtern aufzuweisen, die demWappenwesen entlehnt sind, — ein beredtes Zeugnissfür die einstmalige Volkstümlichkeit des Letzteren.
Häufig hat das Wappen etweder selbst einen Spitz-namen, oder den Inhabern desselben wird vom Volkeein aus dem Wappen abgeleiteter Spottnamen beigelegt.
Der Löwe im Wappen des Bisthums Bamberg wurdegewöhnlich (doch fälschlich) auf einem Schrägbalkenreitend (statt von demselben überlegt) dargestellt unddarum von dem Volk der „Stangenreiter" genannt 1 ).
Um des Bildes ihres Stadtwappens willen wurdendie Bürger von Alzey in der Umgegend spottweise dieFiedler genannt*). —
So wird auch der Ursprung der Bezeichnung „Rä-delsführer" für den Anstifter irgend einer ordnungs-widrigen Unternehmung in der Regel auf das Wappen-wesen zurückgeführt.
Jablonskie') schreibt (1767):
„Rädl einsführ er, Anstifter und Urheber einesAufstandes oder Aufruhres. Als die unruhigen Bauern,vor ungefähr zweyhundert Jahren, sich hin und wiederempöreten, so Hessen sie sich anfänglich, anstatt derFahnen, Pflugräder auf Stangen vortragen, und setzetenhernach dieselben in ihre Fahnen, wovon das Wort unddessen Bedeutung aufgekommen ist.'
In neuerer.Zeit hat man sich die Sache mit demWappen des Götz von Berlichingen — bekanntlich einRad — zu erklären gesucht. Dies heisst jedoch demalten, ehrlichen Götz zu nahe gethan; derselbe warnicht in dem Maße am Bauernaufstand betheiligt, alsdass man ihn jemals als den Anstifter desselben hättebezeichnen können.
Ueberhaupt kann ich die Beziehung des Worteszum Wappenwesen in keiner Weise acceptirenS).
Die ursprüngliche Form des Wortes scheint „Rädels-treiber" zu sein, — so in der reichhaltigen Sprich-wörter-Sammlung des M. Friedrich Peters, die 1605 inden Druck ging, also wohl noch im 16. Jahrh. angelegtist. Ich lese da z B.:
„Arme Leut' sind bald verführet, vnd in Harnischgebracht, wenn die Redeltreiber geschwinde sind."
Das Bild ist dem Fuhrwesen entnommen, wieauch bei dem folgenden Spruche, den ich ebenfalls derPeters'schen Sammlung entnehme .-
„Wenn der eine vorn ansRad greifft vnd scheubt,was er von Leibskrefften mag, die ander halten hindenwider vnnd hemmen, oder werffen Stock vnd Block inweg, da gehet das Fuhrwerk nicht von stat." —
Im Sprüchwort, in der volkstümlichen Redensart,im Sinnspruch, sogar in Räthseln sind häufig Bilderenthalten die dem Wappenwesen entlehnt sind.
In Freidanhs Bescheidenheit ist folgender Spruchaufbehalten:
1) Schneidawind, Versuch einer statistischen Be-schreibung des Hochstifts Bamberg. I. (Bamberg 1797. 8°.)S. 302 f. b
2) Pfeiffers Germania VI, 325.
3) Im Lexikon der Künste .und Wissenschaften.II. 1133.
74, 17 von dein ich hoere dez beste sagendes wäfen wolt ich gerne tragen.Als diese Sammlung Von Sinnsprüchen zusammen'getragen wurde (um 1225) war der Uniformschild nochallgemein in Gebrauch, die Ritter trugen den Schilddes Herrn, in dessen Diensten sie standen.
Bei den folgenden Sprüchen derselben Quelle istan den Schild als Schutzwaffe gedacht:167, 22 liegen triegen ist ein schilt
da mit man manege schände Mit.171, 7 der schilt wert dekeine fristder für lüge gemachet ist.Desgleichen das folgende Sprüchwort der Peters 1 -schen Sammlung:
Es ist zu spat den Schild ftirwerffen»wenn man die streich hat.Aehnliche Redensarten kommen in der nieder-deutschen (holländischen) Sprache vor:iemand in het schild varen, einem Widerstand leisten,
es mit einem aufnehmen.iemand te schild en te speer vervolgen, einen aus allerMacht aufs äusserste verfolgen.Ein altes Räthsel fragt u. A.:
warum ist schilt und heim verblichen?Antwort: von grossen schlegen und Stichen.
Die Aufschreibung ist aus dem 16. Jahrh., dasRäthsel selbst aber ohne Frage viel älter 4 ).
Bei den Autoren des 16. Jahrhunderts (z. B. Hertzog,Spangenberg) findet sich folgender Reim als Sprüchwortangeführt:
fromm, Wei%, <Oug rmb OTütI>as gehört in 2lbe(s Schilt.Es ist das ein Reim, der allerdings in zahllosenVariationen bei den Dichtern des Mittelalters vorkommt.Schon das vorheraldische Alexanderlied des PfaffenLamprecht (12. Jahrh.) sagt:
3802 wände du waris biderbe unde gut
unde hetes manlichen mut.
du were uil milde3805 geuoge zo dinem Schilde
getruwe vnde warhaft
hubisch unde erhaft,
wol geborn unde riche. —Ferner Herbort von Fritzlar ca. 1210:13270 Der herre was getruwe
Kune zu Schilde
Riche vnd mildeBerthold von Holle, Demantin:6501 he is küne trüwe und milde
und treit den am an sime Schilde.Conrad von Würzburg, Partonopier V. 16638:
er ist liutsaelec unde guot,
rieh, edel unde milde.
sim üz erweiten fchilte
muoz ich hohes lobes jehen.
der fchilte ist lützel hie gesehen,
die bezzer waeren üf dem plan.Ulrich von Eschenbach, Wilh. v. Wenden um 1300:507 er fuorte aller tugende marc
üf helme und an dem Schilde
gerehte kuene und milde
was er vollen warhaft.Karl Meinet (um 1300) A. 275, 19:
Der siege waren sy mylde
De buckeliu van dem schilde
De sterne van den helmen
Velen zo den melmen
4) Mone's Anz. f. K. d. d. Vorz. 1838. S. 260.