Druckschrift 
Geschichte der Heraldik : Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft
Seite
451
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

Geschichte der Heraldik. III.

451

hatte nun endlich eine Schildform gewonnen, die gefälligund zugleich schmiegsam genug ist, um der Phantasiedes Künstlers Spielraum zu gewähren.

Ein nicht geringer Vortheil, welchen die Tartscheder Wappenkunst bietet, besteht ferner darin, dass die-ser neue Schild ein Gesicht hat.

Das Vordereck des Schildes ist wesentlich andersgeformt als das Hintereck. Die Vorderseite desSchildes ist immer diejenige, wo sich das nasenförmigeEck befindet, mag nun dasselbe nach rechts oder linksgewendet sein.

Unter Kaiser Friedrich III. kam die Tartsche sostark in Aufnahme, dass man sie für jene Zeit als denWappenschild par excellence bezeichnen kann.

In den Wappenbriefen des genannten Kaisers wirddas Vordereck der Tartsche als das scharfe Eck be-zeichnet.

Wappenbrief d. d. Neustadt 23. Juli 1464 fürHans Klesheimer.

Mit namen einen schilt aws dem vordemscharffen teil vberegk in drey teil geteilet dasvnder teyl swarcz das obrist gelb oder goltfarb, danndas mitterteil auch aus dem scharffen egk vnder-sich in widerpart zwaier zwikchl weise vnd beider fär-ben des Schildes ausgeteilet vnd auf dem schilt einenheim mit einer gelben vnd swarczeu helmdeckchengetzieret, darauf ein gewunden fliegende pinden swarczvnd gelb entspringende darausz zwo aufgethan fiügelbaide mit den zwikcheln vnd färben auch geschikchetals in dem schilde. *)

Das Hintereck wird mehrmals als dasjenigeu n t e rdem Helme" bezeichnet, z. B. in dem Wappenbriefed. d. Neustadt 3. Juni 1455 für Jobst Fynynger.

Mit namen'einen gelben schilte entspringende aussdem einen egke darauff der heim steet ainrott oder pluttfarber klymender roszfusz beslagen miteinem weissen oder silberfarben huffeysen vnd auf demschilde einen helme getziert mit einer gelben vnd rottenhelmdecken, darauff ein pusch von hannenfedern auchhalb gelb vnd halb rott.

Die Figuren.

Die veränderte Form der Schilde, der Uebergaugvom Dreieck zum Viereck ist von grossem Einflüsseauf die Gestaltung der Figuren namentlich des Thier-reichs. Die einfache Uebertragung der hergebrachtenformen in den neuen Rahmen entsprach selbstverständ-lich dem Kunstgeschmacke in keiner Weise. Massgebendwar die Rücksicht auf die Forderuug, dass der gegebeneiiahmeu gehörig und gefällig zu füllen, auszunützen sei.in dieser Beziehung hat die Befreiung des Wappen-weseus von den einengenden Bedürfnissen des Heer-wesens, die Bahn gebrochen für einen grossartigen Auf-schwung der Wappenkunst. Die Verzerrung der unterenäalfte der Figuren, die in der Spitze des Dreieck-öchüdes eine fast embryonische Lage annehmen muss-te n, ist nun beseitigt, die künstlerische Gestaltung ist'"cht, mehr durch Raumrücksichten beschränkt.

Nachdem einmal das Eis gebrochen war, die Wap-Peukunst die ererbten Beschränkungen beseitigt hatte,p ielt auch der alte Dreieckschild eine den modernenForderungen entsprechende, dem Viereck sich nähernde*orm. In dem nachfolgenden Wappen (No. 457), wel-kes dem Ansbacher Wappenbuch^) entnommen ist,

1) In ähnlicher Weise wird die Spitze des Sparrens147n * lfe " genannt; Wappenbrief d. d. Wien 13. März4/ü für Conrad Kalt: drey swarz zwickel gende mitlre n spiczen oder scherffen über sich. t -.1 Die Zeichnung verdanke ich Herrn Eugen Freih.' -Lioffelholz.

wird der Vortheil der Neuerung gerade durch die mangel-hafte Benutzung desselben augenscheinlich.

No. 457.

Den Einfluss, welchen diese Neuerungen auf dieGestaltung der Wappenbilder ausübten, kann ich nuran zwei Beispielen darlegen. Ich folge hier der Dar-stellung des verstorbenen Ralph von Betberg, welchenich in diese r Beziehung rückhaltlos als Meister an-erkenne.

Der Adler. 3 )

1) Unter den Ho hens taufen (1137 1273)Schnabel des emporgerichteten Hauptes geschlossen,also ohne herausgestreckte Zunge (ein Zeichen erst des15. Jahrb.) die Sachsen flachgebogen, doch mit hoherSchnecken- oder lockenförmigen Ausladung, die Schwung-federn senkrecht, Fänge beinahe parallel, der senkrechtniedergestreckte Schwanz mit rundem Knopf und Bü-schel von straffen, rundauslaufenden Federn Gegendas Ende dieses Zeitraumes gestalten sich die Ober-schenkel zu sogenanntenHosen" und die zwar nochimmer rundendigen Federn des Schwanzendes biegensich bereits ein wenig auseinander.

2) Unter den Habsburgern (1273 1S50) nähertsich der Bogen der Sachsen, welche 3 bis 4 kleineKnöpfe haben, der Halbkreislinie das Haupt tritt nachund uach in eine wagerechte Haltung, der Hals bekommteinen Bart und Nackenschopf und das Schwanzendeladet an den Seiten halbmondförmig aus, vereinzelt so-gar schon etwas gewellt, die unterste Spitze schärftsich gleichfalls hier und da schon etwas zu.

3) In der zweiten Hälfte des 14. Jahrb..(14501400) beginnt das bisher oben rundliche Haupteine kleine Abflachung anzunehmen; die Fänge tretenschon etwas aus der Parallelstellung heraus, Schwanz-ende au den Seiten gewellt oder quergeflammt. Einspangenarmiger (kleegestengelter) Adler ist bereits amGrabdenkmale des Gottfried von Arnsberg f 1870 imKölner Dome.

4) In der ersten Hälfte des 15. Jahrh. (1400 1440) werden Haupt und Schnabel flächiger, dieSachsen beginnen hakenförmige Ansätze zu bekommenund der Winkel zwischen den Fängen sich dem rechtenzu nähern.

5) In der zweiten Hälfte des 15. Jahrh.(14401493) bekommt der Adler in der ganzen Stellung

3) Kleine Bemerkungen zu Wappenkunde. In derZeitschrift des Wiener VereinsAdler" 1873 S. 133.