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Geschichte der Heraldik : Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft
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Geschichte der Heraldik. I£I. 1.

plötzlich eine neue Idee zur Herrschaft. Unter demEinflüsse der damals dominirenden italienischen Rechts-gelehrsamkeit, namentlich des Dr. Bartolus de Saxo-ferrato, eines zu jener Zeit hochberühmten Hochschul-lehrers, fing der Kaiser an, den Adel durchDiplome zu verleihen. Man darf jedoch nichtglauben, dass die neue, nicht durch ein Reichsgesetzgeschaffene Institution fertig ins Leben getreten sei:etwa hundert Jahre waren erforderlich um sie zur Aus-bildung zu bringen. Das alte Recht hatte seine Kraftzu schöpferischer Neubildung noch keineswegs verloren,und es wird ihm zunächst durch Einführung des Brief-adels nicht einmal eine Concurrenz bereitet, denn nursolche Familien, welche ihren Stand nicht auf Lehengründen wollten, bemühten sich um kaiserliche Diplome.Es ist ein neuer Stand der durch die diplommässigeVerleihung geschaffen wird, dessen Neulingen der feu-dale Adel schroff gegenüber steht, obschon die Absichtder kaiserlichen Regierung dahin geht, den Bullenadelstufenweise dem alten feudalen Adel gleichzustellen.

Noch Johannes liothe, der frühestens in den letztenRegierungsjahren K. Carl IV. seinen Bitterapiegel schrieb,kennt nur den dinglichen Erwerb des Heerschilds.Er schreibt:409 Nu werdin ouch rechte eigin lute

Mit der Hand fri wedir gegeben,

Also man daz wole mag bedute,

Wan ez erm herin werdit ebin,

Und koufin si gutir die nicht sint fri

Und vorzinsin di seibin gute:415 So mogin si frome gebur wol si,

Werdet redelich danne er gemute

So zihin er kindir dan in die stete,

Er gute si do vorschozzin

Und gebruchen der friheid darmede420 Der si von den forstin han genozzin.

Ist also menlich er kindir lebin

Daz si in den herin hof ritin

Und en sich zu dinste dan gebin

Und togin zu vechtin und zu stritin.425. So belenit si der here danne

Mit frigutin die eme sterbin los:

Also werdin si der ediln herin manne.

Werdit darnach er habe etswaz groz

Und sint er kintir togintsam und frome430 Und dinsthaftig in erin tagen

So mag ez en wol darzu kome

Daz si werden zu rittern geslagen

Komen si darnach zu slozzin

Die gud und riche und veste sint435 Und sind sie menlich und unvordrozzen

So werdin si edel und alle ir kint

Wan si di manlehin vorlihin

Und di rittermezigin under en han

Di eris dinstis sich nicht vorzihin

Und enhelfen zu erin krigin dan,

So werdin er kindin zu grafin gemacht,

Daz geschet en von dem riche.Nach Johannes Bothe ist also erst bei dem Eintrittin den hohen Adel die Mitwirkung des Reichs erforder-lich. Es ist das fast völlig der alte Rechtszustand,der denn auch bis zum Ende der Regierung des KaisersSigismund gänzlich unbestritten bleibt.

Ein vollkommen legitimer Erwerb der Rittermässig-keit liegt zum Beispiel in dem folgenden Falle vor.

Oswald Tüchsenhauser, der erste dieses Namens,brachte es vom Schreiber bis zum obersten Kanzler desHerzogs Ernst von Bayern (1424). Durch die Fürsten(Ernst und Wilhelm) wurde er zu einer ehrlichen Heirathbefördert, nämlich mit der Tochter des Hans von Wildeck,Margarethe, deren Mutter eine Frasshäuserin war, undmit welcher er Dolling und Frasshausen erheirathete.

Oswald hat darauf das Frasshauser Wappen angenommenund geführt.Der Frasshauser Wappen haben dieTüchsenhauser angenommen, auf dem Helm einen rothenBrackhen mit zwei Füssen, und offenem Maul."»)

Auch in der Praxis der kaiserlichen Kanzlei laufenbeide Systeme in völliger Gleichberechtigung nebeneinander her. Es kommen immer noch Acte vor, dieauf das alte Recht sich stützen.

Ein besonders interessanter Fall möge hier erwähntsein.

Der Edle Hoyer von Lantstein, hatte aus jugend-licher Unerfahrenheit, ohne zu wissen, was er thue oderohne die Folgen seiner Handlung zu erwägen, von deinEdlen Czenko von Lipa, Obersten Marschall undKämmerer des Königreichs Böhmen gewisse bona mili-taria (Ritterlehen) zu Lehen empfangen. Als er nach-träglich von seinen Freunden belehrt wurde, dass dieseUebernahme sich für seinen Stand und Adel nichtschicke (susceptionem eandem statui et Nobilitati sueminus congruere) resignirte an den Czenko das Lehen.Damit jedoch die Uebernahme dem Hoyer und dessenErben nicht zum Nachtheil gereiche und das Ansehenderselben nicht mindere, vernichtete Kaiser Carl IV(als König von Böhmen) durch eine Urkunde vom J. 1360 2 )jedes aus der Uebernahme des Lehens herzuleitendePräjudiz.

Durch ein anderes aus dem alten Rechte zu er-klärendes Diplom desselben Kaisers d. d. Reutlingen21. Sept. 1360 3 ) wirdBurkard Senn Herr zu Buch-eck (Schweiz)zu einem des heiligen Reichs Freien"gewürdigt, das heisst: von dem Bande der Dienst-mannschaft, mit dem derselbe dem Reiche zugethanwar, befreit. Der Act unterscheidet sich nur in demFormpunkte von ähnlichen Handlungen früherer Zeit,wie das Diplom selbst anerkennt, indem es erklärt, essollte der Rechtskraft unschädlich seinob wir in diesensachen solche Schönheit und Zierheit nichtgehalten hätten, als gewöhnlich ist zu thun, so mandem Heiligen Reich aus Dienstmannen Freiemacht."*)

Was nun den Briefadel betrifft, so habe ich be-reits betont, dass die Absicht des Kaisers Carl IV in»Wesentlichen dahin ging, die neuen, nicht feudalenGeschlehcter einer der bestehenden Adelsklassen anzu-schliessen. Es kommt zwar auch ein Formular vor, demein neuer Begriff des Adels, die nobilitas moraliszu Grunde liegt. Wir ersehen jedoch im Weiteren, dassdieselbe lediglich der nobilitas militaris, derRittermässigkeit gleichgestellt wird.

1) Hund, Stammbuch III 312. 697.

2) Olafey Anecdotorum collectio S. 417.

3) vergl. Urkunde Nr. 22.

4) In einer Urkunde des Grafen Ludwig von Neuen-burg im Bisthum Lausanne vom Mittwoch nach St. Gallen-tag (21. October) 1360 kommen als Zeugen vor: HerBurkart der Senn Herr ze Buchegke einVrieund Her Cunrat der Senn. Der letztere führt in seinemSiegel lediglich das Wappen der Senn: im Schilde einenHauptpfahl, auf dem Helm einen mit zwei Hörnern be-setzten Hut. Burkart dagegen führt in seinem Siege»den eben beschriebenen Helm zwischen zwei Schildchen,von denen der vordere das Wappen Bucheck (dreipfahlweise gestellte Rosen), der hintere das WappenSenn enthält. Da die Umschrift den Siegler alsBurchard Senn Ritter, Herrn von Bucheck bezeichnet,so haben wir hier wahrscheinlich ein älteres Siegel voruns, woraus folgt, dass Burkard schon vor dem 21. Sept-1360 das Wappen Bucheck angenommen hatte. D iefragliche Urkunde befindet im Badischen General-Landes-archiv, Vereinigte Breisgauer Archive Convolut 179-Gütige Mittheilung des Herrn KindlervonKnoblocl».