Geschichte der Heraldik. II. 5.
291
garethe Maultaach Tyrol erbte und nach dem Tode ihrerbeiden Eheherren 13(53 ebenfalls an Oesterreich abtrat.Nach Aussage les Wappenknaben Hierselein führteHerzog Heinrich (vielleicht schon seit 1306; den böh-mischen Helmschmuck: „zwen swarcze flügel cherubin,mit guidein leubern rieh verwennt", zu dem SchildeKärnthen.
Als Tyrol an Oesterreich kam, wurde dieser Helm-schmuck zum Schild Tyrol deputirt, jedoch derFlügel, wahrscheinlich zum Unterschiedevon dem Wappender Markgrafen von Brandenburg, das in Schild undauf dem Helm, in Bild und Farben mit dem so ge-stalteten Wappen Tyrol übereinstimmt. mit einer Zin-delbinde umwunden. Den solchergestalt erneuertenHelmschnmck seilen wir auf dem Siegel des HerzogsLeopold III. vom J. 1377 (vergl. s. '204 No. 272).
Nach Johannes Enenkel (f 1250) führte HerzogUlrich von Kärnthen folgenden Helraschmuck
daz daz zimier sol sein
daz warn zwei hörn hermein
von phauzvederu also diche
daz alda der Sunen plikhe
auf dem heim nicht het schein
so dikb warn die vedern sein.
12. Cap itel.Dl« Fahne als Lehenayiiibol.
Von uralten Zeiten hei' war es Sitte, die Ueber-tragung von Lehens- oder Eigeuthums-Kechten au Landmit gewissen Ceremouien sinnbildlich zu vollziehen.Schon Gregor von Tours erzählt in seinen, im J. 613verfassten Jahrbuchern von einem seiner Zeitge-nossen einen derartigen Fall.
„Hierauf gab der König Guntchramn den Speerin die Hand des Königs Childebert und sagte: „dassei das Zeichen, dass ich dir mein ganzesReich übergeben habe. Nun gehe von hinnen undUnterwirf alle meine Staaten so wie deine eigenen deinerBotmässigkeit. Denn von meinem Stamme ist wegender Sünden seiner Angehörigen Niemand übrig geblieben,ftls du allein, der meines Bruders Sohn ist; du folgemir in meinem ganzen Keicbe, die andern seien enterbt."
Auch Kaiser Heinrich der Heilige übergab nachdem Berichte des Geschichtschreibers JJie'hmar im Jahre1004 seinem Schwager. Grafen Heinrich von Lützelburgdas Herzogthnm Bayern „cum hasta signifera"Diese beiden Zeugnisse, zwischen welchen ein ZeitraumVon 400 Jahren liegt, sehliessen auffallend genau an«inander an. Zugleich haben wir hier die ältestenVorläufer der Lehnsfahne, denn Signum 1 ) ist dieFahne, welche an de n Speer gebunden wurde.
Der Geschichtschreiber der Kaisers Friedrich desItothbarts Bischof Otto von Freising bezeugt, dass esGewohnheit des Kaiserhofes sei „ut regna per gla-dium, provinciae per vexillum a principe tra-dantur vel reeipiantur." Er bringt auch einen beson-deren Fall aus dem Jahre 1152 bei. Es hatte sichnämlich zwischen zwei Blutsverwandten, Petrus undGwoto, schwerer streit wegen des Königsreichs Däne-mark erhoben. Auf dem Reichstage zu Merseburg wurdeder Handel in folgender Weise ausgetragen : Gwoto,welchem gewisse Provinzen überwiesen wurden, ent-sagte dem königlichen Namen durch Darreichung desSchwerts; Petrus dagegen empfing das Königreich ausder Hand des Kaisers unter dem Sinnbilde des Schwertes.
Als Markgraf Heinrich von Oesterreich 1156 das
Herzogthum Bayern Heinrich dem Löwen zurückgebenmusste, resignirte er dasselbe — nach Otto von Frei-sing's Erzählung 2 ) — mittelst sieben Fahnen in dieHand des Kaisers. Nachdem diese sieben Fahnen Hein-rich dem Löwen übergeben waren, gab der Kaiser demMarkgrafen die Mark Oesterreich mit den zugehörendendrei Grafschaften, mit zwei Fahnen zurück. Zugleicherhob der Kaiser die Mark Oesterreich zum Herzog-thum.
In der Urkunde über die Belehnung des Erzbischofsvon Cöln mit dem Herzogthum Westfalen und Eugernvom J. 1180 sagt Kaiser Friedrich I. :
„praeraemoratum Archiepiscopum Philippum por-
tione illa Ducatus suae collata Ecclesiae vex illo
imperiali solenniter investimus.''König Alfons belehnte im Jahre 1258 den HerzogFriedrich von Lothringen mit fünf Fahnen; davonwurde die erste wegen des Herzogthums Lothringen,die zweite wegen der Eeichslehen der zwischen demRhein und der Mosel sesshaften Edlen, die dritte wegendes comitatus Romaricensis, die vierte wegen des Schutzesder Land- und Wasserstrassen im genannten Herzog-thum, die fünfte wegen der kaiserlichen Regalien überdie Klöster St Peter und St. Martin in Metz gegeben 3 ).Auch von den Dichtern wird die Lehnsfahne häufigerwähnt.
Das Ruolandes Liet des Pfaffen Konrad (1173-77)sagtXLII Rolant uf spranc
uil uaste er dare füre dranc.
herre nu lihe mir daz lant
ich enpfahe hiute den uan
in den drin nainen
da wir an geloben.Diese Stelle, welche sich auf das Verlangen Rolands,mit Spanien belehnt zu werden, bezieht, lautet inStrickers Karl (vor 1230).3861 einen vanen bot er im zehant:
„hie mite übet mirz lant"
sprach er, „alse ez reht si
ich eupfähez in die namen dri
an die ich gelouben sol "Wolfram v. Eschenbach erwähnt das Fahnlehenmehrmals, so im Parcval (1212):80o,14 „nu enpfähet ir an disem mal
iweriu lehn von mime kinde
ob ich an iu triwe vinde"
mit guotem willen daz geschaeh:
vil vanen man dort füereu sach.
da lihen zwuo kleine hende
witer lande inanec endeund im Willehalm 11215)353,9 du treist krön von minen vanen:
des lehens muoz ich dich hiute manen.
nu nim den vanen in dine hant:
der gote scherm si den benant,
die bi dir drunde riten
und durh mich hiute striten
1) Vergl. oben S. 65.
2t Dieselbe lautet: Heinricus maior natu ducatumBaioariae septem per vexilla imperatori resignabit.Quibus minori traditis ille duobus vexillis marchiamOrientalem cum comitatibus ad eam ex antiquo perti-nentibus reddidit. Exinde de eadem marchia cum prae-dictis comitatibus, quos tres dieunt, iudicio prineipumducatum fecit, eumque non soluin sibi sed et uxori cumduobus vexillis tradidit, neve in posterum ab aliquosuccessorum suorum mutari posset aut infringi, privilegioconfirmavit. Acta sunt haec anno regni eius 5, im-perii 2.
3) Leibniz, cod. jur. gentium dipl.