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Geschichte der Heraldik : Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft
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Geschichte der Heraldik. II. 5.

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Zahlreiche Autoren haben die Bedeutung dieserbeiden Wappenbilder zu erforschen versucht. Archiv-rath Beyer i) verweist darauf, dass die Pflanze zwischenden beiden Drachen ursprünglich eine Lilie habe dar-stellen sollen. (Vergl. das Siegel S.75 No. 16). Das Siegel-bild stelle „also den siegenden, mitten in das fliehendeHeidenthum gepflanzten christlichen Glauben dar." Archiv-rath Lisch 2 ) hielt die Lindwürmer für eine Symbolisir-ung des deutschen Namens Hagen 8 ) (Hain).

Da nach dem Zeugnisse hervorragender Kennerder slavischen Sprachen Schwerin einen Thiergartenbedeutet, so ist wohl die Annahme nicht zu gewagt,dass sich bei Schwerin ein solcher Garten, in dem Bosseaufgezogen wurden befunden habe. Graf Gunzehn I.von Schwerin (ca 1160 — ca 1185) mag wegen diesesBesitzes Gefallen daran gefunden haben, sich mit demStudas der alten Heldensage zu vergleichen. Studaswar der Vater eines gleichnamigen Sohnes, der späterHeime genannt wurde. Zwei Söhne des Grafen Gun-zelin erhielten Namen, die mit Heime anlauten: Helmold(Heimold) und Heinrich (Heimerich). Da zwei Söhnedes Grafen Gunzelin I. das Wappen mit den Lindwur-mern führen, so ist bereits Gunzelin I. der Schopferdieses Wappens. Die Wahl gerade dieses Wappenbildeserklärt die oben (S. 140) mitgetheilte Sage: Auf demFelde bei dem Hofe des Studas hatte der LindwurmHeime seinen Schlupfwinkel, welcher der stärkste undgiftigste aller Würmer war. Der jüngere Studas wurdewegen seiner Stärke mit diesem Wurme verglichen underhielt desswegen den Namen Heime.

Als Graf Helmold III von Schwerin, wie oben ge-schildert, an Stelle der Lindwürmer das wilde Boss alsWappen annahm, blieb er der Gedanken-Verbindung,die seinen Urgrossvater geleitet hatte, vollkommen treu!denn ein Boss ist das Wappen Heimes des Hochmüthigen(Vergl. S. 139). — , _ ...

Noch unverkennbarer ist das Wirken der Familien-Ueberlieferung in der Wappengeschichte des AnhaltischenFürstenhauses. . ,„..,,„.,,,

Fürst Bernhard III. von Anhalt (reg. seit 1318 f1348)war anscheinend der erste, der zu dem ererbten Famihen-wappen einen Bären als Lieblingswappen hinzugenom-men, zweifellos in Erinnerung seines StammhermAlbrechtdes Bären. An einer Urkunde von 1322*) hängt dasbeeret Bernhards III., welches den Bärenschild enthalt."Wir finden dann ein grosses Eeitersiegel desselbenFürsten aus dem folgenden Jahre; hier kommt derBärenschild in zweimaliger Wiederholung auf der Pferde-decke vor. , .. _„..

In derselben Generation nimmt auch die KotnenerLinie durch die Brüder Albrecht IL und Waldemar 1,den Bären als Nebenwappen an. —

Graf Gerhard V. von Holstein, welcher 1350 etwa35 Jahre alt von einer Seuche dahingerafft wurde, fuhrt1442 ein Siegel, darin zwei gekreuzte nackte Arme,die Helm und Schild des Erbwappens (gesondert) hal-ten. Im J. 1343 führt er im Felde des runden Siegelseinen laufenden gekrönten Wolf; das Siegelfeldist mit „Nesselblättern» gefüllt. Im J. 1349 kommtein drittes Siegel') vor, in dem der Wolf als förm-liches Wappenbild behandelt und dem Erbwappen

No. 858.

. 1) Jahrbücher des Vereins f. meklenb. Gesch. XXXIVS. 143.

2) Ebenda S. 149. , , -,

3) Die Grafen von Schwerin waren vordem, d. n.vor etwa 1160 Edle von Hagen. ,*•„,,„ ttt

4) v. Heinemann, codex diplomaticusAnhaltinus m

5)' Siegel des "Mittelalters aus den Archiven derStadt Lübeck Heft 2. S. 21.

gegenüber gestellt ist: zwei vollständige Wappen blickensich an; rechts steht das holsteinsche Wappen, linksder Schild mit dem Wolf, der auf dem Helm in einemFlügel wiederholt ist. —

Bei den Herzogen von Oesterreich taucht ebenfallsbald nach Mitte des 14. Jahrhunderts ein Nebenwappenauf: fünf (2, 2, 1) gelbe Adler in Blau; auf dem Helmein wachsender gelber Adler mit blauen Flügeln.

Dieses ist das vermeintliche Wappen deroesterreichischen Landesfürsten aus dem babenbergischenStamme.

Die Erinnerung an das alte Adlerwappen der Her-zoge von Oesterreich scheint sich durch die Siegel derHerzoginnen erhalten zu haben, die erheblich früher,als es bei den anderen Fürstenhäusern Brauch wurde,Wappenbilder in ihre Porträtsiegel aufnahmen. Eingewisser eigener Typus dieser Siegel lässt sich bis ins14. Jahrhundert verfolgen.

Die Gemahlin des Herzogs Leopold des Glorreichenvon Oestereich, Theodora, aus dem Hause des griechi-schen Kaisers Isaac Angelus, führt in ihrem Siegel von1226 neben ihrem Bild rechts den oesterreichischenAdler links das Pantier von Steier, beide im Siegel-felde. Umschrift: Theodora. Bei. Gracia, Bucissa. Aust.Et. Stirie.')

Eine Nachbildung dieses Siegels scheint dasjenigeder Herzogin Agnes geb. Gräfin von Meran, Gemahlindes Herzogs Friedrich des Streitbaren vom J. 1238 zusein. Neben dem Bilde der Herzogin steht rechts der Adler,links das Pantier frei im Siegelfelde. Umschrift: f S.Agnes. Bvcissa. Avstr, (ie. Et. Stirie).') Der Fehler inder Umschrift (Nominativ trotz des „Sigillum") erklärtsich eben 'durch die mechanische Nachbildung.

Als geschiedene Frau führte die Herzogin einspitzovales Siegel ohne Wappen.

Die Herzogin Bianca, Gemahlin Budolfs III. vonOesterreich, (des nachmaligen Königs von Böhmen)Tochter des.Königs Philipp III. von Frankreich (f 19.März 1305) führte ein spitzovales Porträt-Siegel, darinoben rechts der Balkenschild von Oesterreich, darunterim Siegelfelde drei (2, 1) Adler, links der SchildFrankreich, darunter im Siegelfelde drei (2, 1) Pan-tiere; von der Umschrift ist wenig erhalten 8 ).

Dieses merkwürdige Stück, welches unverkennbareAnklänge an den altösterreichischen Typus der Damen-siegel enthält, bildet in der hier noch zufälligen Ver-dreifachung des Wappenbildes den Uehergang zu dem

S. IX.

6) Gercken Anmerkungen von den Siegeln, Vorbericht

7) Hohenlohe, sphragist. Aphorismen S. 93 No. 253.

8) Hohenlohe, sphragistische Aphorismen No. 252.