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Geschichte der Heraldik : Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft
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Geschichte der Heraldik. II. 5.

Das Lieblings- oder Nebenwappen.

Nicht selten finden wir und zwar schon im 13. Jahr-hundert neben dem eigentlichen Familienwappen persön-liche oder bleibende Nebenwappen, die man als Lieb-lingswappen bezeichnen kann.

Wir haben oben gesehen, dass Fürst Pribislav vonParchim und Richenberg den Stierkopf als Wappen-bild geführt hat. Nun erzählt Ernst v. Kirchberg')(1378) von dem Fürsten:

her was eyn vil böse Cristen

in halbir truw lebete her mit Listen

her vürte eyn Jung frowin bilde

gemalt an syme Schilde

daz anbedete her snndir spod

gantz und gar als eynen God

Man deutet diese Stelle so, dass Ernst v. Kirchbergdas Bild des oben S. 253 No. 321 abgebildeten Siegels mitdem Wappen des Fürsten Pribislav verwechselt habe, wasich indess einem Geschichtsschreiber des 14. Jahrh.nicht zutrauen mag. Es ist recht wohl möglich, dassPribislav das Bild einer Jungfrau als Lieblingswappengeführt hat. Es fehlt auch nicht an einem Belege da-für, dass Schilde als Unterlage nicht wappenmässigerbildlicher Darstellungen benutzt wurden. Im Wolf-dietrich (VIII, 15) heisst es:

Ein schilt schoene und niuwe hienc vor der keiserin.

dar an stuont gemälet zwei kluoge bilde vin:

daz eine was Otnit, daz ander ir gelich

swenn sie daz an blicte, so weint diu keiserinne

rieh

Vielfach wird die Annahme solcher Lieblingswappenneben dem Familienwappen auf das Wirken derVolks- und Familiensage zurückzuführen sein.

So ist das Vorkommen von zwei verschiedenenWappenthieren bei dem Geschlechte der Edelherren vonSteinfurt in Westfalen zu erklären.

Das älteste Siegel des Geschlechtes ist dasjenigedes Ludolfll. von Steinfurt an einer Urkunde von 1245.Dasselbe zeigt im Siegelfelde einen Schwan.

An der Eigenschaft des Bildes als Wappen istnicht zu zweifeln, wiewohl der Schwan zumeist directin das Siegelfeld gestellt wild. Anscheinend kommt derSchwan nur zweimal in einem Schilde vor 1. in demschildförmigen Siegel des Ludolf von Zboth (Enkel desoben genannten Ludolf II.) vom J. 1266; 2. in demPortraitsiegel der Frau Elisabeth von Steinfurt vomJ. 1284; die Dame hält hier in der Linken einen Schildmit dem Schwan.

Der Gemahl der eben erwähnten Dame, Balduin I.von Steinfurt führt in drei verschiedenen grossen Siegeln1277, 1284, 1314 den Schwan im Siegelfelde. Einviertes, kleines schildförmiges Siegel desselben, welches1284 als Rücksiegel benutzt wird und mit der Umschriftversehen ist: f Clipeus domini de Stenvordia, enthälteinen gekrönten Löwen.

In dem Helmsiegel des Ludolf VIII. von Steinfurt(dessen Vater sich noch eines Federkleinodes bedienthatte) vom .1. 1343 sowie in dem Helmsiegel seinesBruders Balduin IV. von 1301 kommen zwei zuge-wendete aussen mit Federn besteckte Schwanenhälseals Helmschmuck vor.

Die Beziehung des Schwans zur Schwan-rittersage wird sehr wahrscheinlich durch den Um-stand, dass Ludolf II. von Steinfurt seinem jüngerenSohne den Namen Balduin gegeben hat. —

Die Grafen von Schwerin, welche bisher das Wap-pen mit den beiden Lindwürmen am Baum geführt hat-

ten (vergl. S. 75 Siegel No. 16) theilten sich mit denSöhnen des Grafen Gunzelin III. (t 1274) in zwei Linien:I. Schwerin, II. Wittenburg.

I. Graf Helmeid III. von Schwerin tritt im J. 127Ümit zwei verschiedenen Siegeln auf, das erste schild-förmige enthält die Lindwürmer am Baum, das zweiterunde enthält im Siegelfelde ein lediges schreitendes

Das Ross führen auch seine Söhne Gunzelin V. 1296und Heinrich III. 1298. Dieses letztere Siegel mögehier in Abbildung folgen.

Diese Brüder beschlossen die Linie Hclmolds vonSchwerin. — Aus welchen Gründen das Ross nicht imRahmen eines Schildes sondern direct im Siegelfelde er-scheint, habe ich bereits oben (S. 169) dargelegt.

II. Nicolaus I. Graf zu Wittenburg (t 1323) führt1279 im schildförmigen Siegel die Lindwürmer am Baum.Im J. 1289 hat er ein rundes Siegel mit demselben Schilde(vergl. die Abbildung S. 75 No. 17).

Hier folge das schildförmige Siegel IV. A. 2. seinesSohnes und Stammhalters des Grafen Gunzelin VI. (f 1327)an einer Urkunde von 1322. Umschrift: f S\ Guncelini.Comitis. Zwerinensis." Bild: die beiden Lindwürmeram Baum. 2 )

No. 857.

1) In Cap. CXXVI seiner Reimchronik, abgedrucktbei E. J. von Wesiphalen, monumenta inedita. Tom IV.S. 594 ff.

2) Mcklenb. Urkunden!'. X. S. 643 No. 240