Druckschrift 
Geschichte der Heraldik : Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft
Seite
247
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

Geschichte der Heraldik. II. 5.

247

man fuorte vor im uf daz gras

einen gar tinrlichen schilt,

der was so rieh, daz mich bevilt

der manicvalten koste sin.

mit golde lieht von Aräbin

was im sin velt bedecket

und wären drin gestrecket

entwerhes drl lebarten,

der glaste muoz ich zarten

und ir gezierde reine.

si konden von gesteine

durchliuhten und durchschiueu

und wären üz rubinen

nach höher wirde löne

geleit zein ander schöne.Dagegen heisst es in demselben Liede:990 da gap ouch liehtebaren schin

von Br uns wie des herren schilt,

da zwene löuwen üf gezilt

von golde wären in ein velt,

dar au vil höher koste gelt

von röten kelen was erkannt.England führt also in Gold drei rothe LeopardenBraunschweig in Roth zwei goldene L ö w e n.

Das letztere ist nicht bloss ein Widerwappen,"son-dern es enthält nach damaliger Ansicht auch ein an-deres Thi er.

Mit derselben Farbengebung sehen wir das englischeWappen in der Züricher Wappenrolle (Nr. 9).

Das Wappen, welches Kaiser Otto IV. führt dreigoldene Leoparden in Roth war also das Wider Wap-pen von England, das Wappen des Pfalzgrafen Hein-rich, welches auf die Nachkommen seines jüngsten Bru-ders überging, das verminderte Widerwappen.

Eine solche Art der Unterscheidung durch Ver-minderung der Figuren, welche die Söhne Heinrichs desLöwen aus England mitgebracht hatten, war jener Zeitrn Deutschland unbekanntundblieb daher unverstanden.

Bei einigen grossen Geschlechtern ist die Entsteh-ung und Vererbung der Wappen in ein fast undurch-dringliches Dunkel getheilt, weil die Siegel, im Uebri-gen ein Hauptstützpunct correcter Forschung, nicht soBeschaffen sind, um irgend einen Aufschluss zu gewäh-ren. Bei manchen Häusern ist gerade für die regie-renden Häupter ein Siegeltypus eingeführt, der mitgrosser Zähigkeit festgehalten wird, und den die Ver-änderungen auf dem Gebiete des Wappenwesens garnicht oder doch nur in sehr bescheidenem Masse beein-flussen. Die Markgrafen von Brandenburg bildeten ihreSiegel demjenigen des Markgrafen Albreeht des Bären(vergl. S. 72 Nr. 5) nach, und das einzige Zugeständ-n iss, das dem Wappenwesen gemacht wurde, bestehtdarin, dass seit Otto IL (vergl. S. 72 Nr. 61 an Stelledes Schildbeschlags der Adler trat. Der vorheraldischeHelm dagegen blieb unverändert bis zum Aussterbendes hohen Geschlechtes und wurde auch von den Mark-grafen wittelsbachischen Stammes in ihren Hauptsiegelngeführt.

Die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg nahmendas letzte Siegel ihres Stammvaters Heinrich des LöwenWit einem unheraldischen Löwen zum Vorbild.

Das hierdurch erzeugte Dunkel wird nur gelegent-lich und nothdürftig erhellt durch die Junker- undjDamensiegel, für die sich in der Regel kein eigenerTypus herausgebildet hat. In der Hauptsache sind wirdarauf angewiesen, diejenigen Momente zu benützen,Reiche die vergleichende Heraldik aus der Beschaffen-heit des Wappens selbst abzuziehen vermag., In diesem Falle befinden wir uns, wenn wir dieWappen-Vererbung im Hause Braunschweig-Lüneburg^folgen.

Ausser den bereits genannten Wappen erscheinen:

1) ein blauer Löwe in Gold

2) ein silbernes Ross in Roth

die, obgleich sie erst im 14. Jahrhundert sphragistischnachweisbar werden, aller Wahrscheinlichkeit nach be-reits unter dem Pfalzgrafen Heinrich, beziehungsweisedem Herzoge Otto Puer entstanden sind.

Im Anfange des 13. Jahrhunderts waren Braun-schweig und Lüneburg getrennt; die Herrschaft Lüne-burg hatte Wilhelm, der jüngste Sohn Heinrichs desLöwen, inne.

Wilhelm war mit Helene Tochter des KönigsWalde mar I. von Dänemark vermählt und starbim J. 1213 mit Hinterlassung eines zehnjährigen Soh-nes, Namens Otto, der seiner Jugend wegen den Bei-namen I'uer, das Kind, erhielt.

Als Otto volljährig geworden war, setzte ihn (1223)sein Oheim Heinrich zum Erben der Herrschaft Br.um-schweig ein. Demnächst sehen wir Otto an der Seiteseines Oheims, des Königs Waldemar IL von Dänemarkund seines Vetters des Grafen Albrecht von Orlamündeund Holstein in jenen merkwürdigen Kämpfen gegenden Grafen Heinrich von Schwerin, der sich damals umdie Wahrung der nördlichen Reichsgrenzeu so grosseVerdienste erworben bat.

Bei dieser Gelegenheit spätestens wurde fürOtto ein nach dem dänischen gebildetes Wappencreirt.

Es war hiebei zu berücksichtigen, dass bereits einEnkel des Königs Waldemar I. das verminderte dä-nische Wappen führte, der eben erwähnte Graf Albreehtvon Orlamünde und Holstein (dessen Wappen S. 192Nr. 227 mitgetheilt ist)

Da Otto den gleichen Schild wie Graf Albrechtnicht führen konnte, so wurde nach damaliger Uebungdie Figur verkehrt: an Stelle der Leoparden nahm ereinen Löwen, blau in Gold in seinen Schild auf.

Während Otto noch in diese dänischen Händel ver-wickelt war, und in die Gefangenschaft des GrafenHeinrich von Schwerin gerieth, starb sein Oheim Hein-rich von Braunschweig (1227). Dieser hatte zwei Töch-ter hinterlassen, die an den Herzog von Bayern undden Markgrafen von Baden vermählt waren. Von die-sen kaufte K Friedrich IL je eine Hälfte der HerrschaftBraunschweig, welche König Heinrich, des Kaisers Sohn,in Besitz zu nehmen suchte. Dem aus der Gefangen-schaft befreiten Otto von Lüneburg bereiteten die Mi-nisterialen der Herrschaft Braunschweig, die es vorge-zogen hätten, Reichsministerialen zu sein, erheblicheSchwierigkeiten.

Erst im J. 1235, durch seine vollkommene Unter-werfung unter den Kaiser, gelangte Otto in den unbe-strittenen Besitz seines Erbes. Auf dem Hoftage zuMainz übergab er das Eigenthum der Herrschaft Lüne-burg dem Kaiser, welcher dieses sowie die beiden er-kauften Hälfton von Braunschweig auf das Reich über-trug, aus Braunschweig und Lüneburg ein Herzogthumbildete und dasselbe als Fahnlehen dem neuen HerzogOtto t) darreichte. Die Dienstmannen des Herzogs wur-den als Reichsministerialen anerkannt.

1) Der Pfalzgraf Heinrich bezeichnet bereits 1223seinen Neffen Otto als dux de Lüneborch. MattlniusParisiensis erzählt s. a. 1230, dass der Herzog vonSachsen es ist Otto gemeint nach England ge-kommen, und von den Bürgern von London ehrenvollempfangen worden sei. Otto hoffte dort den KönigHeinrich III. zu treffen, der sich jedoch Ende Aprilmit einem Heere nach der Bretagne eingeschifft hatte.Von Otto's Aeussorem sagt der Schriftsteller: Erat au-tem idein dux tantae elegantiae et magnitudinis, ut iu-tuentibus speetaculum praebuit admirationis.