230
Geschichte der Heraldik. IL 5.
2. Capit ei.
Die Wawpeii-Aelinllchkelten und derenFolgt-n.
Als die" grossen Geschlechter Deutschlands in derzweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts Wappenbilder an-nahmen, lag das Wappenwesen noch in der WiegeNiemand war im Stande, die Entwicklung desselbenvorauszusehen. Die damaligen Häupter der Familienerwählten Thierbilder, deren Symbolik ihnen gefiel, zumZeichen ihres Schildes, ohne Rücksieht auf die Wahl,die ihre Gebietsnachbarn treffen mochten. Es konntenicht fehlen, dass viele Dynasten auf das gleiche Wap-penbild verfielen, da der Kreis der Thierbilder, unterdenen die Wahl getroffen werden konnte, kein sehrweiter war.
Diese Verhältnisse hatten sich bald nach Beginndes 13. Jahrhunderts erheblich geändert. Die Wappenwaren erblich geworden, und zwar bei allen Geschlech-tern mit gleichem Rechte Aus willkürlich undpersönlich gewählten Sinnbildern hatten sich bedeutsameAbzeichen der Familien entwickelt, — schon bereitetesich die Bildung der Landes- und Lehenswappen vor.Es musste daher den Wappenherren lästig fällen, seinWappenthier in Fahne und Schild eines Andern zu er-blicken, besonders dann, wenn dieser Concurrent einGebietsnachbar war. Die Scheidung der Wappen ver-mittelst der Farben konnte nicht genügen, da dieseauch bei Stammgenossen noch in beständiger Uebungwar.
Die Wappen-Aehnlichkeit war aber nicht blosslästig und nachtheilig für Personen oder Familien, —es konnte nicht fehlen, dass sie auch im Heerwesenstörend und verwirrend wirkte.
Tliomasin von Zirclaria (1216) sagt139G7 saehe ich verre in dem lande
ein gewaefn daz ich erkande
ich wände unde spraeche sä
daz der riter waere da
ze dem ich diu wäfen hiet gesehen
und müht sin doch anders geschehen :
wan der man der sie biete da
der möcht si haben anderswa13975 verstoln ode sus genoinen;
ez ist, ouch dicke also komen.Von einem Betrüge, der um 1221 mit dem Wappendes deutschen Ordens getrieben wurde, erzählt Voujt^)Folgendes:
„Es gab Leute, die sich das schwarze Kreuz derdeutschen Ordensbrüder auf ihr Kleid nähten und mitdiesem Zeichen täuschend in den Landen umherzogen,um von milden Händen Almosen zu erbetteln: ein Fre-vel , den der Papst sofort mit dem Banne zu betrafengebot, wenn der Betrüger überwiesen und gewarnt dasKreuz nicht sogleich ablege" 2 ).
Es ist desshalb natürlich, dass man dem Uebel-stande der Wappenähnlichkeit auf gütlichem Wege oderdurch Anwendung von Gewalt ein Ende zu machensuchte. —
1) Preussische Geschichte II, 110 f.
2} Die Bulle im kleineu Privilegienbuche p. 68 istdatirt Lateran. XII Calend. Febr. p. n. anno quinto(21. Januar 1221). Schwer erzürnt schrieb der Papst:Detestandum facinus et plurimum abhorrendum per di-versas mundi partes accepimus pullulare, quod quidamavaricie amore cecati pocius quam zelo religionis accensinigras cruces, quas fratres hospitalis S. Marie Theut.deferunt, sibi imponere et eas portare minime verentur,nt sie possint sub tali velamento eleemosinas pauperibusdeputatas colligere.
In unmittelbarer Nachbarschaft führten drei mäch-tige Geschlechter, die Grafen von Hirschberg, die Grafenvon Oettingen und die von Lobdnburg, diese als hoch-freie Herren von Ahausen an der Wörnitz, Ende des12. Jahrhunderts einen Hirsch im Wappen.
Die Letzteren hatten allerdings schon längst ihrenSchwerpunkt nach Thüringen verlegt und verschwandenvöllig aus dem Gebiete des Hirschwappens, nachdemOtto von Lobdabui'g im J. 1186 sein StammschlossAhausen zu einer Klosterstiftung verwendet, hatte. Andem Stiftungsbriefe hängt sein Siegel 3 ) in der Formeines normannischen Schildes, darin der Hirsch sichzeigt.
Die Grafen von Oettingen demnächst führen etwaseit Beginn des l'i. Jahrhunderts den Hirsch nicht mehrin ihren Siegeln. Dass das Hirschwappen von ihnensofort aufgegeben worden sei, folgt, aber nicht aus die-ser Thatsache. Es ist recht wohl möglich, dass sie denHirsch zunächst in ihren Fahnen fortgeführt haben, dadas Bild ihres Kampfschildes seiner Natur nach nichtin eine Fahne übertragen werden konnte, auch derHirsch in einer viereckigen Fahne besser darzustellenwar, als in dem Rahmen eines Schildes *). —
Einer ähnlichen Beliebtheit erfreute sich das Pan-tier im Südosten Deutschlands und hier kann diezwangsweise Verminderung der Pantierwappen nach-gewiesen werden.
Die Nachkommen des Herzogs Ulrich I von Kärn-then (t 11441 und seines Bruders, des Grafen Rapoto I.von Ortenbarg') (f 1190) führten zuerst als gemein-schaftliches Wappen ein Pantier. Indess behielt vonden Ortenburgem nur diejenige Linie das Pantier,welche nach des Königsmörders Otto von WitteisbachAechtung mit der bayerischen Pfalzgrafenwürde belehntwurde, während die noch fortblühenden Grafen von Or-tenburg ein Heroldsbild, den sogenannten Gegenzinnen-Schrägbalken annahmen.
Rapoto Graf von Ortenburg, seit 1209 Pfalzgrafvon Bayern, starb 19. März 1231. Ihm folgte seingleichnamiger Sohn, der vor dem 24. Septbr. 1246 dieseLinie beschloss. Kitter von Lang, welcher das that-sächliche Walten dieser Herren in der PfalzgrafschaftBayern bestreiten wollte, wird durch das schöne Siegelder Stadt Ingolstadt °J (die zu der Pfalzgrafschaft ge-hörte), glänzend widerlegt. Dieses jedenfalls unter derRegierung der Ortenburger eingeführte Siegel enthältden heil. Mauritius, der den Schild der Pfalzgrafen ausdem Ortenburgischen Hause (Pantier) mit der linkenHand hält.
Dieser Pantierschild ist der Stadt Ingolstadt bisheute als Wappenschild verblieben (blaues Pantier in
3) Abgebildet in v. Hefner's altbayerischer HeraldikTaf. 1.
4) Es kommt daher in anderen Wappen häufig vor,dass der Hirsch als aus dem Seitenrande hervorwach-send dargestellt wird.
0) Die Burg dieser Grafen lag in Bayern. Ausser-dem gab es eine Grafschaft Ortenburg in Käruthen,deren Inhaber von dem Fürstenhause der Steiermarkabstammten, und im J. 1421 mit dem Grafen Friedrichvon (»rtenburg ausgestorben sind. Diese beiden Grafeu-geschlechter müssen streng auseinander gehalten wer-den, da sie durchaus nicht miteinander verwandt waren.
6) Leider heisst es noch in der, durch die Munifi-cenz S. M. des Königs Maximilian IL von Bayern zurHerausgabe geförderten Bavaria Band I. 2. im Abrissder Ortsgeschichte von Ludwig Rockinger: „Dass zumAndenken des heissen 5. November 1313 das blauefeuerspeiende Pantherthier in das Stadtwappen ge-setzt wurde, ist eine nicht mehr bestritteneTha tsache."