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Geschichte der Heraldik : Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft
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Geschichte der Heraldik. II. 1.

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König Richard Löwenherz hatte dem Kaiser Hein-rich VI. unter Anderen Herrn Hugo von Morville alsGeissei gestellt. Von diesem empfing Ulrich von Zatzih-hoven, ein Thurgauer, das welsche Original des Lanze-let, das er in deutscher Sprache bearbeitete:

Hüc von Morville

hiez der selben gisel ein

in des gewalt uns vor erschein

daz welsche buoeh von Lctnzelete.In dem deutschen Lanzelet-Lie^e finden wir nunfolgende Beschreibung eines Helmschmucks:4438 guldin was sin gügerel

ein boum 'mit löubern niht ze breit.

ein grimel was dar an bereit

mit sidinen weifieren

sus pflac er sich zieren

beidiu an heim und an spornUnser Dichter hat augenscheinlich den Gegenstand,von dem in seiner Vorlage die Rede war, nicht gekannt,er scheint selbst darüber in Zweifel gewesen zu sein,in wie weit sich die Beschreibung auf den Helmschmuckund auf die Sporen bezieht

Soviel ist klar, dass ein belaubter Baum mit sei-denen Bändern auf den Helm gebunden war. Ein an-nähernd richtiges Bild jenes Helmschmucks dürfte unsdas nachfolgende Siegel IV B. 1 des Grafen Günthervon Kevernburgi) vom J. 1282 geben.

NO. 54.

Nach Verlauf des ersten Decenniums des 13. Jahrh.ist der Helmschmuck in Deutschland völlig eingebürgert.Alle Dichter jener Zeit: Wirnt v. Gravenberch, Wolf-ram v. Eschenbach, Gottfried v. Strassburg , Heinrichv. d. Türlin kennen ihn und beschreiben ihn mit einerGewandtheit, wie sie nur aus eigener, unmittelbarerAnschauung gewonnen wird.

Es lassen sich nunmehr zwei Hauptgruppen desHelmschmucks scharf unterscheiden:

1. Der Helm trägt entweder das adaptirte Wap-penbild

2. oder einen nicht wappen massigen, d. h. nichtdem Wappen entnommenen willkürlichen Helm-schmuck: Federn, Fächer, Hörner u. s. w.

Was die erste Gruppe der Helmzeichen betrifft, sobesteht die Adaptirung des Wappens theils bloss in derplastischen Wiedergabe. Eine weitergehende An-

1) Von dem verehrten Gönner dieses Werkes, HerrnEugen Freiherrn Löffelholz v. Kolberg in Ansbach nacheinem Abguss neu gezeichnet.

passung erblicke ich darin, wenn von lebenden Wesen,Menschen, Thieren, Vögeln, nur ein Theil: Der Kopf,die obere Hälfte, die Füsse, oder ein Fuss, ein oderzwei Flügel wiedergegeben werden.

Eine dritte Form der Anpassung bedient sich derHülfskleinode, das heisst solcher Vorrichtungen,welche für das Wappenbild den nöthigen Rahmen liefern.

Nichts deutet darauf hin, dass der Gebrauch, dasWappen auf dem Helm zur Schau zu tragen, demAuslande entlehnt sei. Nur die Gruppe der nicht derWappen entnommenen Kleinode, die wir bereits a.fremde Erfindung kennen gelernt haben, trägt in demersten Zeiträume gleichsam als Ursprungs - Zeug -niss auch einen fremdsprachlichen Namen. Wie in deroben angeführten Stelle des Lanzelet-Liedes wird auchvon Wolfram von Eschenbach nur der nicht wappen-mässige Helmschmuck als Gügerel bezeichnet, z. B.im Parcival:145, 20 al rot was sin gügerel

röt somit was sin covertiur

sin schilt noch roeter danne ein fiur

al röt was sin kursit

Im Willehalm (1215) nennt er den Schmuck gogel:403, 23 man sah da wunder g o g e 1 e nvon tieren und von vogelenüf manegem helme veste,boum, zwi unde ir estemit koste geflorieret,da kom gezimieretmanec Sarrazin durh wibe löi.

In den zwanziger Jahren des 13. Jahrhunderts wirdder Helmschmuck endlich auch in Deutschland sphra-gistisch nachweisbar. Das älteste Siegel mit einemHelmschmuck, welches wir bis jetzt kennen, ist dasReitersiegel III B. 3 des Grafen Johann von Spanheiinvom J. 1225 2 ). Das Kleinod besteht anscheinend auseinem Federköcher.

Das Vorkommen eines Helmkleinods auf einem Rei-tersiegel hat allerdings nichts Auffallendes. Bald aberbegegnen wir einer Erscheinung, die als Markstein einerEpoche des AVappenwesens zu betrachten ist.

Ich rede von den Siegeln IVB, den Helm siege In,die in den dreissiger Jahren des 13. Jahrhunderts zu-erst vorkommen und demnächst immer häufiger werden.

Die ältest-bekannten Siegel 3) dieser Art sind:

Graf Dietrich v. Bercha vom J. 1231;

Graf Otto von Botenlauben v. J. 1234;

Graf Heinrich von Schwarzburg 1234;

Graf Egeno v. Eichelberg 1237 *).

Die Entstehung der Helmsiegel liefert den Beweis,dass sich nunmehr die Entwicklung des Helmschmuckszu einem s e 1 b s t s t ä n d i g e n, n e b e n d e m W a p p en 5)zu Recht bestehenden, und wie dieses die Person desInhabers repräsentirenden Emblems vollzogen hat.

Im Frauendienst des Ulrich von Liechtenstein (vor1240j tritt uns der Helmschmuck als erbliches Em-blem entgegen. Ulrich von Liechtenstein und sein Bru-der Dietmar führen genau denselben Helmschmuck,dessen Zusammensetzung wir weiter unten kennen ler-nen werden.

Wenn nun auch die deutsche Nation nicht als Er-finderin des Helmschmucks gelten kann, so darf doch

2) Soweit erhalten abgebildet von dem FürstenF. K. von Hohenlohe im Sphragistischen Album unterdem Stichwort Sayn-Wittgenstein; nur der Helm imAnzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 18G9 S. 103.

3) Vergl. Anz. f. Kunde d. d. Vorzeit 1871 S. 204 ff.

4) Dasselbe ist oben S. 74 unter No. 12 abgebildet.

5) Nicht als Theil des Wappens, denn immernoch machte das Zeichen des Schildes, von dem Schildelosgelöst gedacht, das Wappen aus.