Druckschrift 
1 (1874)
Entstehung
Seite
606
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606 Gruppe V. Textil- und Bekleidungs-Industrie.

sie von den verschiedenen Wiener Fabrikanten bezieht und nur arran-girt, als eine Gesammtausstellung der Wiener Blumenindustrie zubetrachten ist, zeigte, dass Oesterreich mit Erfolg der Pariser Concurrenzzu begegnen sucht. Hervorzuheben sind unter den zahlreichen Blumen-gattungen die prachtvollen Fuchsien.

Eine besondere Erwähnung verdienen die aus dem Etablissementder Gräfin Baudissin in Wien hervorgegangenen prächtigen Deco-rationspflanzcn, Azaleen, Alpenblumen, Blätter und Gräser, welche ,invollendeter Naturwahrheit ausgeführt sind. Dieselben bestehen auseinem eigenthümlichen Papier,papier de Chine genannt, welchesaus dem Marke einer nur in China wachsenden Pflanze nach einemnur den Chinesen bekannten Verfahren gefertigt werden soll. Dereigehthümliche Vorzug dieses Materials besteht in seiner ausserordent-lichen Festigkeit und Sprödigkeit, welche es schon längere Zeit zuBlumen mit steiferen Blättern, wie Camelien, Narcissen und anderen,besonders geeignet machte. Das System, nach welchem dasselbe fürdie zartesteil und weichsten Pflanzen anwendbar gemacht wird, sollein Geheimniss der Gräfin Baudissin sein. Das papier de Chine ver-trägt kein Eisen zum Durchschlagen der Blätter und keine Presse; eshat also nicht der Graveur, sondern die Arbeiterin seihst der Blumedie künstlerische Gestaltung zu gehen. Nachdem die technischenSchwierigkeiten, welche der ausgedehnten Anwendung dieses Stoffesentgegenstanden, überwunden sind, scheint derselbe vor allen Materia-lien ?ur Erzeugung von Kunstblumen den Vorzug zu verdienen, daseihst hei den feinsten Wollen und Seidenstoffen das Auge die Fädendes Gewebes erkennt, während hier die Täuschung vollständig bleibt.Ausserdem hat dies Papier alle Haupteigenschaften des natürlichenBlumenblattes: die Dichtigkeit, die Durchsichtigkeit, ja selbst derBlumenreif befindet sich schon darin und braucht nicht erst künstlichaufgestreut zu werden.

Die deutsche Blumenfabrikation war am hervorragendsten ver-treten durch J. H e c k e 1 in München und Bolsius Erben in Berlin.

Die Münchener und besonders Berliner Fabrikate, welcher letzterePlatz eine sehr bedeutende Blumeninclustrie besitzt, sind Mittelwaaren,für den grossen Markt bestimmt und den Pariser Erzeugnissen durchausnicht ebenbürtig. Es ist zu bedauern, dass Berlin, wie in so vielenGewerbezweigen auch in dieser Branche seine Stellung als Grossstadtso vollständig vergisst und anstatt bei seinen theueren Lebensverhält-nissen sich der Herstellung hochfeiner, von künstlerischem Werthegehobener Producte zu widmen, vielmehr die Fabrikation von Mittel-und billigen Waaren cultivirt. Die besonders in den letzten Jahrenso vollständig veränderte ökonomische Lage der Stadt duldet in denmeisten Zweigen solche Fabrikation, bei der sie der Concurrenz billiger