296
Gruppe IY. NahrungS- und Genussmittel etc.
Aufnahme kamen und einen neuen Aufschwung der Fabrikation herbei-führen halfen. "Während aber in Frankreich wie in England damalsder Uebergang zum Grossbetriebe schon vollzogen war und die mitihm verknüpften Vortkeile die Concurrenzfähigkeit der dortigen Eta-blissements bedeutend erhöhten, entwickelte sinh die deutsche Conserven-fabrikation viel langsamer, behielt bis in die neueste Zeit mehr denCharakter eines Klein- oder Nebengewerbes. Bei der bekannten Spar-samkeit des Deutschen, seiner Genügsamkeit, seiner Fähigkeit, sichleicht in die Sitten und Gewohnheiten der anderen Völker zu finden,bei seiner Vorliebe für das Fremde sowie schliesslich bei der anerkanntenGeschicklichkeit der deutschen Hausfrau in der „Kunst“ des Einmacliens,bei der traurigen Zerrissenheit des Vaterlandes, dem seiner Zeit üppigwuchernden Particularismus, vermochten sich die deutschen Conservenim In- wie im Auslande nur allmälig Bahn zu brechen. Ausserdemfehlten die grossen Bestellungen für eine Kriegsmarine, für die Ver-pflegung von auswärts stationirten Truppen und auch die deutscheHandelsflotte bezog nicht selten ihren Bedarf vom Auslände, wie esheute noch die kaiserliche Marine thut, indem sie nur zum kleinenTheile deutsche Gemliseconserven benutzt. Trotz dieser Schwierigkeitenist es den drei Firmen D. II. Carstens, G. C. Hahn & Comp., beidein Lübeck, und L. Mulsow & Comp, in Hamburg gelungen, ihreFabrikate in allen überseeischen Plätzen bekannt und beliebt zu machen.Ihnen haben sich in den letzten 15 Jahren eine grössere Anzahl vonFabriken angeschlossen, aber alle sind nicht von dem Umfange wieenglische oder französische Häuser, selbst mittleren Hangs. Die jetzt inMainz, aus den Mitteln des Reichs errichtete Fabrik für Militairconservenist das erste grosse Etablissement dieser Art in Deutschland.
Nach den dankenswerthen Mittheilungen des Herrn Evers, Tlieil-haber der Firma D. II. Carstens, belief sich die Production der deut-schen Fabrikation im Durchschnitt jährlich:
auf 200 000 Kg in dem Zeiträume von 1850/60.
„ 500 000 „ „ „ „ „ 1861/66.
» 1 200 000 „ „ „ „ 1867/72.
Davon kommt der bei "Weitem grössere Antheil auf Gemüsecon-serven, nur ein verkältnissmässig kleiner auf Fleischspeisen.
. Von den Pickles ganz abgesehen, welche auf der deutschen Tafelnie die Rolle spielen werden, wie auf der englischen, zeigte sich aufder "Wiener Ausstellung, dass in Gemüseconserven die inländischen Fa-briken den ausländischen nicht viel nachstehen, ja in der Conservirungvon Spargeln wohl schwerlich von den letzteren übertroffen werden.Dagegen machte sich die Ueberlegenheit der Engländer und Franzosenin Fleischspeisen, in Delicatessen und Fischen, besonders in quantitati-ver Beziehung geltend. In Fischconserven steht Deutschland entschie-den zurück, das Einmachen in Oel wird hier gar nicht betrieben und