128 Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart.
genstand holen, ist die archäologische Gewissenhaftigkeit. Wie kindischerscheinen die Bemühungen des alten David und seiner Zeitgenossen,den äusseren Apparat des antiken Lehens treu zu copiren, gegen dieGenauigkeit, mit welcher das junge Künstlergeschlecht auch die intim-sten Seiten desselben wiedergiebt. Gerome’s Gladiatorenkampf könnteganz gut ein Lehrbuch römischer Antiquitäten als Titelbild zieren, sorichtig ist bis zu den charakteristischen Gesten der Zuschauer Allesdargestellt. An sich ist diese Auffassung nicht zu tadeln, für die Schil-derung des Privatlebens der Alten ist sogar ein liebevolles und gründ-liches Eingehen auf die Aeusserlichkeiten antiken Daseins unentbehrlich.Es wäre aber wohl zu erwägen, ob nicht gerade durch solche historischeAceuratesse uns die Antike am meisten entfremdet wird. Die idealeNatur der Antike ist in unserem Geiste so fest gewurzelt, dass wirdoppelte Mühe haben, sie im Werktagsgewande zu erkennen und, wennsie uns in historischen Genrebildern vorgeführt wird, sie zu verstehen.Viel eher lassen sich biblische Gestalten nach unserer Empfindung undunseren Anschauungen umformen, weil diese noch ein unmittelbaresLeben für den Gläubigen besitzen. Jedenfalls bleibt die alte ideale Auf-fassung der Antike noch immer zu Recht bestehen, wie sie denn auchin der französischen Kunst noch nicht völlig abgestorben ist.
Es ist einestheils der technischen Virtuosität der französischenMaler, die jeden Gegenstand für den modernen Geschmack interessantzu gestalten versteht, andefentheils der Achtung des Künstlerrechtesbei dem gut geschulten Pariser Publicum zu danken, dass die Antikenoch immer eine grosse Rolle in der Phantasie des Künstlers spielt.Der grosse Zusammenfluss der Liebhaber und Freunde der Kunst inder französischen Hauptstadt gestattet dem Maler, sich frei seine Auf-gaben zu wählen, ohne ängstlich nach den Wünschen eines einzelnenBestellers spähen zu müssen; er ist doch sicher, bei halbwegs tüchtigerLösung derselben, sein Werk zu verwerthen. Aus dem gleichen Grundebleibt Paris die Heimath der Malerei des Nackten, während diese sonstbeinahe überall verpönt wird. Wenn dieses aus moralischen Rücksich-ten geschieht, so weiss man, dass sich dahinter zunächst lächerlichePrüderie und pharisäerhafte Heuchelei birgt. Halbverdeckte Reizewecken grobsinnliche Neigungen, während die reine Nacktheit für einegesunde Phantasie nichts Verletzendes besitzt, vorausgesetzt, dass sienaiv aufgefasst ist. Abgesehen von den biblischen und antiken Tra-ditionen, welche die Wiedergabe nackter Frauenleiber heiligen, würdedie Kunst bitter arm werden, würde man ihr das Reich des Nacktenrauben. Selbstverständlich wird dadurch nicht jede Schaustellung desNackten gerechtfertigt. Zahlreich genug ist diese Gattung der Malereiin der französischen Abtheilung vertreten. Wir stossen auf eine Su-sanna von Henner, auf einen Frühling von Bouvier, auf eine vomAlp gedrückte Schläferin von Antigna, auf eine Grille von Le-