Gruppe XXY. Die bildenden Künste der Gegenwart. 127
seidener Kock mit lürsclirothem Gürtel) den vornehmen Stand andeutet.Der Kopf, grünlich fahl von Farbe, ist einige Stufen des weissen Mar-morbodens bereits herabgerollt, von welchem letzteren sich eine grosseBlutlache grell abhebt. Zunächst galt es, ein schweres eoloristischesProblem zu lösen, rothe Töne mit rothen zu combiniren, ohne dass siesich gegenseitig abstumpfen. Im Gegentheil; trotz des glänzendenHintergrundes bleibt die Gestalt des Henkers doch wirkungsvoll. Umdie Einförmigkeit zu brechen, ist in den unteren Theilen des Bildeseine reichere Farbenscala angeordnet: Weiss, Grün und Roth, doch auchhier ist die Rücksicht gebraucht, dass nur die weissen Marmorstufen,ähnlich wie die weisse Kopfbinde des Henkers die Masse brechen, dieanderen Töne dagegen sich der dominirenden rothen Farbe harmonischeinordnen, ihre Kraft noch verstärken. Man muss zugeben, dass dasExperiment dem Künstler vortrefflich gelungen ist. Er hat aber nochein anderes Experiment angestellt. Eine grauenvolle Scene, die unsereNerven angreift und Schauer erregt, hat er in ein rauschendes Fest-gewand gekleidet. Diese Farbenstjmmung weckt exaltirte Lust, dieherrschende Scala leuchtender rother und gelber Töne steht in seltsamemContrast- zu dem Inhalte des Bildes, in welchem insbesondere der nochkrampfhaft zuckende Cadaver und der abgeschlagene Kopf mit riick-sichstsloser Wahrheit gemalt sind. Lag es in Regnault’s Absicht,einen wollüstigen Kitzel hervorzurufen, brutale Empfindungen zu näh-ren, so hat er auch diesen Zweck erreicht. Man darf nicht alle Schuldauf den Künstler allein werfen, der eben nur einer weithin beliebtenCulturströmung folgt, man kann aber diese letztere schwerlich fürgesund halten, ja für um so bedenklicher, über je brillantere Ausdrucks-mittel sie gebietet.
Neben Regnault’s Bilde treten die anderen Werke, welche orien-talisches Leben schildern, ziemlich zurück. Gerome hat ausser einigenkleinen Gemälden die Moschee El-Assaneyn mit abgeschlagenen undauf Piken gestellten Rebellenköpfen als Hauptornament und eine Skla-vin, die auf dem Markte feilgeboten wird, ausgestellt. Bei beiden Bil-dern gilt es, durch grelle Contraste — das hackte Sklavenmädchen hateinen kauernden Neger zur Folie •— einen bereits abgestumpftenästhetischen Sinn zu reizen. Die Odaliske von Henri Levy, die Mekka-pilger von Belly, die Kabylenniederlage von Boulanger u. s. w. sindvon mittelmässigem Werthe, dagegen die Zeichnung von Bi da, einemSchüler von Delacroix: Das Refectorium in einem griechischen Klo-ster von unübertrefflicher Wahrheit der Schilderung; die letztere istnicht bloss äusserlich wahr, sondern zeugt auch von einem beneidens-werth sicheren Blick für orientalische Typen.
Neben dem Oriente nimmt die Antike einen hervorragenden Platzin der Stoffwelt der französischen Künstler ein. Das erste auffälligeMerkmal der Bilder, welche aus der Griechen- und Römerzeit den Ge-